Die Brüder Eduard und Karl Wedekind studierten im Sommersemester 1824 in Göttingen. Einer von ihnen, Karl, führte Tagebuch und beschrieb darin den studentischen Alltag jener Tage. In der vergangenen Woche begannen wir mit dem auszugleiten Abdruck der Tagebücher, die 1927 zum erstenmal publiziert worden waren.

Bevor die Brüder Wedekind zum Semesterbeginn nach Göttingen zurückkehren, beschließen sie, noch einige Tage in Kassel zu bleiben. Die gefeierte Schauspielerin Auguste Stich gibt am dortigen Theater ein Gastspiel.

Sonnabend, 10. April 1824. Morgens wollten wir wieder nach Göttingen zurückfahren, aber unser Kutscher war ausgegangen und kam erst gegen Mittag wieder. Da es einmal so weit war, wollten wir auch noch gern Madame Stich (eine Schauspielerin) sehen, die im "König von Preußen" logierte und dort immer an der Table d’hôte aß. Dann wäre aber unsere Rückfahrt eine Nachtpartie geworden und mit wenig mehr Unkosten konnten wir den Tag noch zusetzen.

Wir fuhren noch ein wenig in der Aue spazieren und gingen dann ins Theater. Madame Stich als Baronin Waldhüll im "Letzten Mittel" spielte vortrefflich, doch hat mir Madame Neumann in dieser Rolle wirklich besser gefallen, sie ist eine feinere Kokette. Dem unerachtet bleibt aber Madame Stich eine größere Künstlerin; man muß sie im Hochtragischen sehen und muß dann zugeben, daß man nichts Schöneres sehen kann.

Nach dem Theater gingen wir wieder zum "König von Preußen". Es war eine zahlreiche Gesellschaft dort versammelt, meistenteils Herren, und jeder wünschte neben Madame Stich zu sitzen; die alten Gäste aber behielten ihre Plätze, und wir konnten wieder nicht ankommen. Alles war gespannt auf ihr Erscheinen. Endlich kam sie und wurde mit Klatschen empfangen, eine kuriose Bewillkommnung in einem Wirtshaus. Die Gesellschaft bestand meistens aus Studenten und Offizieren.

Wir traktierten ziemlich flott, blieben aber beim Rheinwein, während man schon hier und da Champagner forderte. Gegen 1/2 11 entfernten sich alle Damen, ausgenommen Madame Stich, die neben ihrem Mann mitten in einem Rudel von jungen Kerls sitzen blieb, die ihr ein Kompliment über das andere machten. Nun ging aber erst das rechte Saufen los. Besonders fing die Gesellschaft um Madame Stich an, eine Flasche Champagner nach der andern anwachsen zu lassen; diesem Beispiel folgten die meisten andern nach, so daß das Champagnertrinken ganz allgemein wurde.

Die Gesellschaft bestand aus etwa 50 Kerls, und von diesen wurde 43 Bouteillen Champagner vertrunken. Bei weitem das meiste tat die Stichsche Kompagnie, er, sie und vier oder fünf andere, ein Engländer, ein Offizier und ein paar Studenten. Diese hatten ungefähr ein Dutzend Flaschen auf dem Tisch umgestülpt liegen, und ich pariere, daß Madame Stich wenigstens eine davon getrunken hat, er aber gewiß drei.