ARD, Freitag, 13. Mai: "...damit kein Gras darüberwächst", Aktion Sühnezeichen und der Frieden

In einem Augenblick, da die Kluft zwischen liberaler Verfassungsnorm und erzkonservativer Verfassungswirklichkeit immer größer wird, tut es wohl – und will nachdrücklich betont sein wenn auch einmal Gegenläufiges hervortreten darf. Eine sachlich-noble Ehrenerklärung, ausgesprochen vom Bayerischen Rundfunk, für jene im Zentrum der Friedensbewegung arbeitende "Aktion Sühnezeichen", die vor einigen Wochen noch als kommunistisch angeprangert wurde – jawohl, so etwas gibt es, und, da das, was selbstverständlich sein sollte, längst nicht mehr selbstverständlich ist, wollen wir gebührend auf die Ausnahme verweisen.

Statt wilhelminisch redender Politiker, der strammen Ehrenfront-Abschreiter und der Erinnerungslosen, für die das Böse immer noch im Osten liegt, traten nachdenkliche junge Leute vor die Kameras, für die Auschwitz keine Leerformel, sondern nachwirkende Realität ist – eine Realität aus Knochen, Haaren, Elend und Wahnsinn, aus jahrzehntealten Ängsten und Alpträumen, mit denen sie sich unter Hitlers Opfern in Israel konfrontiert sehen. Da gab’s keine verwaschene Metaphorik unter den Frauen und Männern der "Aktion Sühnezeichen"; da wußte einer genau, was er sagte, als er, mit Hacke in der Hand, im Umkreis eines Vernichtungslagers bemerkte: "Hier darf kein Gras wachsen: darüber nicht!"

Erinnerungsfähige Menschen, die in der Lage waren, nicht "er" und "sie", sondern "ich" und "wir" zu sagen, machten sichtbar, was es bedeutet, wenn die Herren über Verbrennungsöfen und Folteranlagen sich ein zweites Mal als willfährige Erbauer von Rampen bewähren – wiederum die Vernichtungsanlagen und wiederum die Planung präziser Exekutionen.

Erinnerungsfähig, phantasiebegabt, vorausdenkend – in der Lage also, aus vagem Gestern und unbestimmtem Morgen ein konkretes Heute zu machen: so stellten sie sich vor, die Zivilisten von der "Aktion Sühnezeichen", die nicht in der Kategorie "Befehl" und "Gehorsam" dachten, sondern spontan, freiwillig, überzeugt (nicht abkommandiert), nüchtern (und nicht durch vorgeprägte Formeln begeistert) das Ihrige taten: dort ein wenig Freundlichkeit übend, wo ihre Großväter mit Zyklon B und Phosphor hantierten.

Das andere Land, das friedliche, bescheidene, vor dem sich niemand mehr zu fürchten braucht, das Land des Dietrich Bonhoeffer und Heinrich Böll: Eine Dreiviertelstunde lang gewann eine Bundesrepublik Profil, in der das Wort "Frieden schaffen ohne Waffen" Maxime der Gesetzgebung sein könnte, weil in ihm tätige Zeugen der Religion Christi das Sagen haben und keine Drohverwalter einer sogenannten christlichen Religion.

Momos