Brasilien kommt trotz eines Milliardenkredits vom Währungsfonds in neue Zahlungsschwierigkeiten

Jedes Land hat seine eigene Krankheitsgeschichte und seinen eigenen Therapiebedarf. Mit diesem Satz wehrte sich Hermann Josef Abs, der Nestor der deutschen Bankiers, gegen die verbreitete Übung, alle hochverschuldeten Entwicklungsländer über einen Kamm zu scheren.

Brasilien gehört da sicher zu den vorsichtigeren Schuldnern. Seine mit Krediten finanzierten Projekte waren eigentlich meist ökonomisch zu rechtfertigen. Um so mehr überrascht es, daß gerade dieser südamerikanische Riese drei Monate nach Abschluß einer Kreditvereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds abermals in Zahlungsschwierigkeiten kommt.

Das Land hat sich insgesamt mit neunzig Milliarden Dollar verschuldet. Ihre Rückzahlung wäre nur unter außerordentlich günstigen Umständen – fallende Ölpreise, sinkende Zinsen, kräftiger Aufschwung in den Industrieländern – möglich. Als die privaten Banken nach der Zahlungsunfähigkeit Mexikos im August 1982 ihre Taschen zuknöpften, mußte Brasilien mit dem Hut in der Hand zum Währungsfonds pilgern und dort um Dollar bitten.

Es erhielt fast fünf Milliarden Dollar zugesagt, die aber nicht auf einmal ausgezahlt wurden. Das Geld wird in Jahresraten gegeben – oder zurückgehalten, wenn sich der Schuldner nicht an die wirtschaftlichen Auflagen gehalten hat, die der Fonds ihm auferlegt, hat. An dieser Vereinbarung mit dem Fonds hing das Umschuldungsprogramm mit den privaten Banken.

Trotzdem schnappte die Schuldenfalle zu: Allein in diesem Jahr sind fast elf Milliarden Dollar nur für Zinsen fällig. Hinzu kommen rund sechzehn Milliarden fällige Tilgungen. Da die Rechnung mit dem erhofften Überschuß in der Handelsbilanz – dem Währungsfonds wurden sechs Milliarden in Aussicht gestellt – nicht aufgehen wird, müssen neue Kredite her.

Die internationale Verschuldungskrise ist, wenn überhaupt, nur im Zusammenspiel von Regierungen der Schuldnerländer, des Internationalen Währungsfonds, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Notenbanken und der privaten Banken zu bewältigen. An diesem Credo wagt niemand zu zweifeln, weil die Alternativen katastrophal wären. Sollte sich schon am Fall Brasilien erweisen, daß die vom Fonds verordneten Sanierungsprogramme wirklichkeitsfremd sind, und die kunstvoll gefügten Umschuldungen in sich zusammenfallen, dann wäre das für die schwächeren Kandidaten unter den Schuldnerländern ein böses Omen.