Von Haug von Kuenheim

Wir haben Jim Thompson nicht gefunden. Wir haben am Moonlight Cottage nach ihm gesucht. Wir haben uns durch Dschungel-Pfade geschlagen. Wir haben Eingeborene gefragt. Wir haben in Bergdörfern nach ihm gefahndet, unter alte Teebüsche geschaut. Vergeblich. Jim Thompson bleibt verschwunden.

Es hatte damit begonnen, daß es in Kuala Lumpur unerträglich heiß war. Tagsüber kletterte das Thermometer auf über 30 Grad, und auch nachts brachte der Quirl im Schlafzimmer keine Frische. Zudem war es laut. Die Malaysier, offenbar von keiner Wirtschaftskrise angekränkelt, verbauen ihre Stadt mit immer neuen Straßen, gegen die unsere Autobahnen sich wie Provinzstraßen ausmachen. Der Lärm der Baumaschinen und die Abgase der Autos zeugten zwar von Dynamik eines jungen aufstrebenden Volkes, doch machten sie auch einen dicken Kopf. Also begaben wir uns in die Cameron Highlands, ins Hochland von Malaysia.

Koloniales Tagewerk verlangt nach höher gelegenen Orten, wo es sich angenehm golfen und geruhsam picknicken läßt. Die Engländer wußten dies und entdeckten, als sie noch auf der Halbinsel was waren, die Stille jenes Hochlandes, wo die Luft frisch ist und die Nacht kühl. Sie bauten Häuser im Tudorstil und stellten die Flinte neben ihr Bett, denn der Dschungel war nah und der Tiger nicht fern.

Dort also in 1500 Meter Höhe kamen wir nach vierstündiger Autofahrt an, ständig bedrängt von schweren Lastern, die mit dicken Holzstämmen beladen waren. (Diese gehören den neuen Herren von Malaysia, die ihre Wälder niederlegen, um ihr edles Holz gegen Mercedes und schnelle Jaguars einzutauschen. Doch das ist ein anderes Kapitel.)

Kuala Lumpur mit seiner drückenden Schwüle war mit einem Schlag weit weg. Die Hügel der Camerons lagen vor uns, eingebettet in die dunklen Wälder des Dschungels. Auf dem Golfplatz schwangen nicht mehr Engländer ihre Schläger, sondern betuchte Chinesen aus Singapore. Und in den britischen Ferienhäusern müssen sich jetzt Mitarbeiter japanischer Firmen erholen. Der pensionierte Oberst, der seinen Hund spazieren führte, mag noch aus den Hochzeiten des Commonwealth stammen – ihn schüttelte es bei dem Gedanken, daß seine Heimat von einer Frau regiert wird. Also bleibt er.

Das Olde Smokehouse, in dem wir abstiegen, mit seinem Fachwerk, seinen rankenden roten Rosen hätte auch im Schwarzwald stehen können, in den Schweizer Alpen oder an der Küste Cornwalls. Es war schon spät, der Kamin angezündet, der Rotwein aus Australien auf einen räsonablen Preis heruntergehandelt (schließlich ist der Chef des Hauses ein Chinese), als der Gemeinplatz "wie klein ist doch die Welt!" griff. "Haue?", die Frage stand im Raum, und der Schreck saß in den Gliedern. Was! Du? Hier? Nein! Doch. Es war Ernst Fischer aus München mit seiner Freundin Ulrike von ebendort (Schriebe ich jetzt, was der Wahrheit entspricht, daß wir uns das letztemal vor Jahren in Daressalam getroffen haben, würden Sie es für Heidemannsches stern-Latein halten).