Vor fast auf den Tag genau zwei Jahren (ZEIT Nr. 20 vom 8. 5. 1981) berichteten wir über den desolaten Zustand der einzigen Forschungsstelle für Exilliteratur in der Bundesrepublik (an der Universität Hamburg); das Fazit war nicht freundlich: "Was sich hier seit Jahren anbahnt, ist eine Schande. Und die zuständigen Gremien seien aufgerufen, eine dem Thema gemäße, würdige und – warum eigentlich nicht: bedeutende Lösung zu schaffen."

Inzwischen haben wir allerlei Neues: einen neuen Bürgermeister, eine neue Kultursenatorin, einen neuen Presseskandal, gefüttert mit neun Millionen Mark – ein neu (gar vernünftig) ausgestattetes Institut für Erforschung haben wir nicht. Im Gegenteil: es geht unter.

Der Institutsrat des Literaturwissenschaftlichen Seminars hat am 25. April 1983 einstimmig ein Sieben-Punkte-Memorandum verabschiedet, das einziger Alarmruf ist. Wenn man das liest – und den Berg von Papieren, Resolutionen, Manifesten und (Pseudo-)Gutachten, dann bedauert man, in einer vornehm-gelassenen Zeitung zu schreiben – sonst könnte man aufschreien: "Verdammt noch mal, hört denn da kein Schwein hin, kümmert sich denn kein verantwortlicher Politiker, keine aufgebrachte Öffentlichkeit um diesen ganz unerhörten Vorgang?"

Also vornehm-gelassen. Technisch-juristisch geht alles seinen korrekten – wenn auch nicht: aufrechten – Gang. Die Arbeitsstelle hat einen erhöhten Bibliotheksetat ("in Folge von Presseberichten") bekommen und "im Zuge der Umverlagerung zugewiesene Stellen von 0,5 Büchereiangestellten und 0,5 Angestellten für Textverarbeitung". Was sie nicht hat: einen Leiter, Die (HC-2-)Professur, durch typische Universitätsquerelen ausgeschrieben, neu ausgeschrieben und schließlich abgeschmettert, ist nicht nur seit neun Semestern unbesetzt. Sie ist – kein verspäteter Aprilscherz – durch einen (formal unanfechtbaren) Beschluß des Akademischen Senats vom 31. 3. 1983 umgewandelt worden: in eine Professur für Skandinavistik.

Die Farce quietscht. Wie hier mit einem der empfindlichsten Themen, einem der neuralgischsten Punkte unserer Literaturgeschichte – und, weiß Gott, nicht nur Urgeschichte – umgegangen wird, wie hier in einer Mischung aus historischer Fahrlässigkeit, bürokratischer Verkalktheit und wohl auch inneruniversitärer Intrigen-Eifersüchtelei ganz und gar unverantwortlich taktiert wird: das ist nicht mehr zu tolerieren. Wir erregen uns dieser Tage über Scheckbuchjournalismus; aber diese Glencheck-Mentalität von Universität und Senatsbehörden ist, auch in ihren Auswirkungen, mindestens so widerwärtig.

Eine Neuausschreibung ist angesagt. "Daß diese Stelle kommt, ist wahrscheinlich, aber nicht gesichert", heißt es in dem Memorandum; "der Beschluß bedeutet jedoch, daß die dringend notwendige Leiterstelle der Hamburger Arbeitsstelle für mindestens zwei weitere Jahre unbesetzt bleibt." So verläuft das alles in einem pseudo-korrekten Mäander: Der "kw-Vermerk" (kann wegfallen) für den einzigen wissenschaftlichen Angestellten – der den Lehrbetrieb aufrechterhielt – entfiel; dafür aber wurde die Stelle umgewandelt in die eines wissenschaftlichen Mitarbeiters – der "zu selbständiger Lehre nicht berechtigt ist". Seldwyla liegt an der Moorweide. "Dies ist unverantwortlich", heißt es im Papier des Institutsrats.

Wie wahr. Statt dessen denken – Pardon für das unangebrachte Wort –, also: denken sich die zuständigen Herren und Damen ein hübsches Schildchen aus: Die Arbeitsstelle wird an die Staatsbibliothek verlagert, und die erhält, endlich, den Namen "Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky". Dafür, jede Taufe hat ihren Preis, kassieren die Paten – ab 1. 5. 1983 werden die Mittel für studentische Hilfskräfte abgezogen.