Von Karl Heinz Wocker

London, im Mai

Sechzig Wahlkreise will Michael Foot in den nächsten Wochen besuchen, das sind drei pro Tag. Britische Wahlkreise, von denen es neuerdings 650 gibt, sind ein wenig kleiner als deutsche – aber der Labour-Führer geht auf die siebzig zu und ist nicht gerade gut zu Fuß. Dafür brilliert er am Pult, und er muß ja auch aufholen, die Umfragen geben seiner Partei mal 31, mal 37 Prozent, aber der Sieg winkt erst jenseits der Vierziger-Marke. Hinter die sind Frau Thatchers Konservative seit dem Falkland-Krieg nie mehr zurückgefallen, ungeachtet der drei Millionen registrierten Arbeitslosen (in Wirklichkeit sind es sogar fast vier Millionen). Das ist ein Wähler-Reservoir, in das zum Entsetzen der Sozialisten ihre alten Wegweiser nicht mehr führen.

Foot beginnt den Wahlkampf in Schottland, so als wolle er sich erst einmal auf vertrautem Grunde warmlaufen. Der Norden der Insel gibt den Meinungsforschern Antworten, die vom Durchschnitt stark abweichen. Hier oben stimmen die alten Richtungen noch, hier will man die eiserne Lady als Kapitalistin abwählen. Ungeachtet der Tatsache, daß jene Südatlantik-Inseln nach einem schottischen Ort namens Falkland benannt sind, der mit seinen 900 Einwohnern ohne den Thatcher-Krieg der Welt unbekannt geblieben wäre, hat die Schlacht gegen Argentinien im Norden keinen solchen Sinneswandel ausgelöst wie im englischen Süden. Die Schotten würden Foot auf den Schild heben.

Die Schotten haben aber nur ein Neuntel aller Wahlkreise; die Entscheidung fällt anderswo, dort, wo die rigorose Wirtschaftspolitik und der enggeschnallte Finanzgürtel nicht so stark drücken wie in den ärmeren keltischen Randgebieten. Margaret Thatcher ist im Grund gar keine britische, sondern eine dezidiert englische Politikerin. Sie hat nicht das Wohl aller Schichten im Sinn, sondern das der eigenen zuvörderst: das Wohl des ambitionierten Mittelstandes. In ihm hat sich aus alter Tradition das Ideal von England als einem Handelsland, also auch von freien Meeren im Schutz einer kühnen Flotte, am lebhaftesten bewahrt. In Tagen nationaler Not dann auch den skeptischen Adel und die breite Masse mitzuziehen – das fiel diesem Stande nie schwer.

Was den Falkland-Krieg für die Labour Party und die neue Allianz aus Sozialdemokraten und Liberalen so sehr zur bösen Überraschung werden ließ war, daß zwar von nationaler Bedrängnis keine Rede sein konnte, der Effekt aber auf das gleiche hinauslief: Selbst die sozial Lahmen warfen ihre Krücken fort und marschierten hinter ihrer Maggie zum Endsieg über die "Argies".

Seither ist die britische Politik nicht mehr, was sie vorher war. Frau Thatchers Berechnung, die neue "Währung" werde sich bis zum Wahltag ausmünzen lassen, scheint aufzugehen. Mit rund 45 Prozent in den Umfragen müßte sie nach deutschem Wahlrecht an der absoluten Mehrheit verzweifeln, nach britischem reicht das nicht nur, es deutet eine hohe Sitz-Majorität im Unterhaus an. Denn Labour und Allianz teilen sich die Opposition, also werden die Konservativen in vielen Fällen die lachenden Dritten sein. Und nur Direktmandate zählen ja, die Stimmprozente der jeweiligen Verlierer fallen unter den Tisch. Kein Proporz gibt der Allianz für zwanzig Prozent der Voten auch ein Fünftel der Mandate. Der 9. Juni kann für die Jenkins-Steel-Koalition eine Nacht der langen Gesichter werden.