München

Der Mann arbeitet wie ein Roboter. Maß für Maß füllt er mit schäumendem Bier, Schweiß perlt sich auf seiner Stirn. München ist durstig, besonders beim Oktoberfest. Und so entgeht es denn auch dem bienenfleißigen Zapfer, daß gleich neben der Schänke ein Reporter die Früchte seiner Arbeit zählt. Am Ende, als die Musik eben zum "Prosit der Gemütlichkeit" bläst, sind es ganze 280 Maß, die da von flinker Hand aus dem 200-Liter-Holzfaß gezapft wurden – ein absoluter Rekord, wenn man bedenkt, daß die Maß, so jedenfalls will es der Eichstrich am Krug, einen ganzen Liter Gerstensaft enthalten soll.

Die wundersame Biervermehrung, die da vor zwei Jahren in einem renommierten Wies’n-Festzeit aktenkundig wurde, ist nur eine jener Episoden, die sich alljährlich um das größte Volksfest der Welt auf der Münchener Theresienwiese ranken. Viel spannender als die ohnehin sichtbare Erkenntnis, daß eine Wies’n-Maß zu einem Drittel aus Schaum oder schlechter Luft besteht, ist das alljährliche Gerangel um den Bierpreis. Doch diese Gaudi, dieses Schattenboxen mit längst feststehenden Siegern, fällt heuer aus. Rund fünf Monate vor der Wies’n (das Oktoberfest findet vom 17. September bis zum 2. Oktober statt) haben sich die Wirte erstmals nicht auf einen Einheitspreis festgelegt. Zwischen 5,70 und 5,90 Mark kostet heuer die Maß.

Daß dies eine Folge freier Marktwirtschaft im Jahre eins nach der "Wende" sei, mögen selbst hartnäckige Bewunderer der ständig vom drohenden Defizit redenden Wirte nicht glauben. Eier steckt dahinter eine kleine pressure group mit großer Wirkung – der "Verein gegen Bierpreisabsprachen auf dem Münchener Oktoberfest", den drei Rechtsanwälte (darunter ein leibhaftiger CSU-Stadtrat) und die Schauspielerin Cleo Kretschmer vor drei Jahren gründeten. Zwar gelang es ihm nie, sein im Namen ausgewiesenes Ziel, die Bierpreisabsprache, juristisch einwandfrei nachzuweisen. Doch seine bloße Existenz hat die festgefügte Clique der Wies’n-Wirte verunsichert und Bayerns Landeskartellbehörde auf den Plan gerufen. Die sah in der Vergangenheit allerdings auch "keinen Anlaß zu kartellrechtlichen Schritten". Dennoch empfahl sie der Stadt München, in Zukunft nicht mehr mit der Einheitsfront der Wirte über den Bierpreis zu feilschen, sondern mit jedem Wirt einzeln. Und weil das denn doch wohl die Bierruhe allzusehr gestört hätte, legten sich die Wirte jetzt mit ihren Preisen frühzeitig fest.

Letztes Jahr war das noch ganz anders. Da traf sich am 6. Juli um 16.30 Uhr die Spitze der Bier-Mafia mit Vertretern der Stadt bei Zwetschgenkuchen mit Sahne im Café Peterhof gegenüber dem Rathaus zu "zähen Verhandlungen" über den Bierpreis. Es dauerte immerhin vier Stunden, ehe feststand, daß die Maß 5,60 Mark kosten sollte. Zwar vermutete der Kartellrechtler Dietrich Kramm auch darin eine "möglicherweise gesetzwidrige Preisabsprache", doch Heinz Strobl, der für die Wies’n zuständige Fremdenverkehrsdirektor, befand: Allzuviel Marktwirtschaft "bringt nur Unruhe rein".

Konkurrenz brauchen die Wies’n-Wirte sowieso nicht zu fürchten, denn die 1949 erlassene Oktoberfest-Betriebsvorschrift legt fest, daß auf der Wies’n nur Bier der Münchner Brauereien Augustiner, Hacker-Pschorr, Löwenbräu, Paulaner, Spaten und Hofbräuhaus ausgeschenkt werden darf. So hatten denn auswärtige Wirte nie die Chance, Kampfpreise auf der Wies’n einzuführen. Und auch die Oktoberfest-Besucher nahmen es mehr als göttliche Fügung denn als eine Art Wucher hin, daß der Preis für die Maß in den letzten zehn Jahren um 2,65 Mark, also gut 50 Prozent, stieg. Für sie gibt es ohnehin keine Alternative zu den meist ausgebuchten Wies’n-Zelten, in denen Münchener ihre Maß nur selten selber zahlen müssen: Längst ist es in jedem besseren Betrieb schöne Tradition, die Mitarbeiter mit Bier- und Hendl-Bons aus der Spesenkasse zu beschenken.

So gesehen, ist denn die alljährliche Empörung über den steigenden Bierpreis mehr auf die Schlagzeilen der Zeitungen beschränkt als Ausdruck echten Volkszorns, weshalb Wirte-Sprecher Richard Süßmeier den Protest auch besten Gewissens als "Schmarrn, so überflüssig wie ein Kropf" abtun kann. Viel mehr empört es die ständig von Risiko und drohendem Defizit redenden Wirte, daß die ebenfalls nicht gerade darbenden Anwälte des "Vereins gegen Bierpreisabsprachen" hartnäckig behaupten, ein Bierfürst verlasse das Oktoberfest mit mindestens einer dreiviertel Million Mark Gewinn – vor Steuern, versteht sich.