Einem Großplakat oder einem Werbefilm, wo sportliche junge Menschen einander zuprosten oder reife Genießer still am Glase nippen, würde das undurchsichtig trübe Gebräu, das da seit einem Jahr aus einigen Kölner Zapfhähnen rinnt, wohl jede Werbewirkung nehmen. Diese Flüssigkeit mit ihrem kräftigen Gelbton sieht einfach anders aus als das Bier, das wir kennen. An diesem Eindruck kann auch die dichte weiße Schaumkrone nichts ändern.

Und trotzdem ist es Bier, ein besonders wohlschmeckendes sogar, eine Spezialität. Jahrelang haben die Meister einer Kölner Brauerei herumgetüftelt und probiert, bis sie ihr neues Produkt mit dem Namen "Wieß" für gelungen hielten. Das heißt: Neu sind eigentlich weder der Name noch das Bier. Im Gegenteil: Bis vor hundert Jahren wurde in Köln nichts als "Wieß" getrunken. Erst als die Brauereien, wie überall im Lande, darangingen, aus ihrem Bier die Hefe herauszufiltern, entstand das heutige Kölsch.

In dem obergärigen Weißbier, das die Kölner vom 15. Jahrhundert an als "wijss bier" tranken und das sie nun als "Wieß" zum zweiten Male kennenlernen, sind noch die Eiweißstoffe und die Hefe enthalten, die im letzten Schritt des langen Brauprozesses für die Gärung sorgten. Deshalb ist das "Wieß" so trüb, deshalb auch schmeckt es besonders voll und urwüchsig, deshalb muß es aber auch besonders schnell getrunken werden. Erst durch Filterung wird Bier lange haltbar. Enthält es noch Hefe, wird es bald schal.

Die Lebensdauer des "Wieß" im Faß haben die Kölner Brauer mittlerweile auf etwa zwei Wochen hinausdehnen können. Den Leuten in der Brauerei ist der Geschmack des neuen, alten Bieres ohnehin vertraut. Sie selbst haben nämlich schon immer ihr Bier aus den Braubottichen gezapft, solange die Hefe noch darin war. "Die Filtration", sagt Braumeister Fritz-Michael Klein, "geht auf Kosten des Geschmacks.

Wer bei einem Glas "Wieß" mehr über die Braukunst und die Geschichte des Bieres erfahren möchte, kann seinen Wissensdurst im Brauhaus an der Alteburger Straße, am Südrand der Kölner Innenstadt, löschen. Dort ist im Keller eine historische Braustätte eingerichtet. Alle Ausstellungsstücke, vom Sudhaus über die Schrotmühle, den Maischbottich, die Würzepfanne, das Kühlschiff bis hin zum Gärbottich, sind früher wirklich einmal zum Brauen verwandt worden. So ähnlich hat vor hundert Jahren eine Kölner Hausbrauerei ausgesehen. Der Keller ist samstags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Wer sich anmeldet, wird aber auch an jedem anderen Tag durch das Gewölbe geführt

Alfred Merta