Frankfurt: "Neue Kunst in Frankfurt"

Geld genug wäre in der Stadt und ihrem Umland, um eine eigene Kunstszene materiell abzusichern. Vielversprechende Künstler, gerade in der Generation der Vierzigjährigen, gibt es, auch einige Galesich ernsthaft um sie bemühen. Aber irgendwie war das Frankfurter Klima der jungen, mutigen, vor allein: einheimischen Kunst bislang nicht sonderlich günstig. Wer hier sammelt, redet nicht darüber und Zeigt es nicht; ohnedies wird das Gesicherte und Gediegene bevorzugt, das Risiko gescheut in der Bankenstadt. Die Galeristen klagen darüber (über ein branchenübliches Lamento hinaus), und junge Künstler äußern Abwanderungsgedanken Richtung Köln oder Berlin.

Erst die Eigeninitiative einiger Künstler brachte mit zwei Ausstellungsprojekten namens TANGO und LENIN 1981 und 1982 frischen Wind in die bis dato oft kleinstädtisch anmutende und zersplitterte Szene. Peter Weiermair, Leiter des Frankfurter Kunstvereins, stimmte dann schließlich die mainischen Galeristen auf die jetzige konzertierte Aktion ein, in der Kunstverein und 15 Galerien "Neue Kunst aus Frankfurt" zeigen. Im Zentrum der Aktivitäten steht das Steinerne Haus am Römerberg, der Kunstverein eben, der ein gutes Dutzend jüngerer Künstler/innen vorstellt (von denen die Hälfte auch bei TANGO und/oder LENIN beteiligt war). Vom marktgängigen Trend expressiver und figurativer Kunst ist wenig zu spüren. Aber wer sich an große Formate wagt, wird ihnen auch gerecht – wie Petra Falk mit ihren subtilen Farbtafeln; wie Joachim Raab, der in seiner Zitatcollage ("Großes Schlachtenbild") nicht nur ein Thema umreißt, sondern auch einen Diskurs über den Zeichencharakter unserer Wirklichkeitserfahrung führt; wie Ottmar Hört mit einer raumgreifend großen und schönen Skulptur aus Wellplastik. Der Einfluß der Städelklasse von Raimer Jochims (alle Künstler waren einmal an der Städelschule) ist in einigen formal und farblich konsequenten und empfindsamen Arbeiten, wie denen Heide Weideies, zu spüren; der des Filmemachers und -theoretikers Peter Kubelka in einer Experimentalfilmreihe, die zur Ausstellung gehört. Die jungen Frankfurter Künstler haben sich trotz des herrschenden lauen Klimas entwickelt, vielleicht deswegen um so eigenständiger. (Frankfurter Kunstverein bis zum 12. Juni, Katalog 18 Mark.)

Manfred E. Schuchmann

Kiel; "Albert Aereboe"

Der Maler Albert Aereboe (1889-1970) ist bisher von der Kunstgeschichtsschreibung weitgehend ignoriert worden – ungeachtet der Tatsache, daß man ein einziges Bild ("Der Einsiedler") immer wieder in Ausstellungen der zwanziger Jahre gesehen hat. In der Kieler Kunsthalle wird jetzt Aereboes Früh- und Hauptwerk gezeigt, insgesamt 84 Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen. Die Beschränkung auf die Zeit bis 1930 liegt in der künstlerischen Entwicklung Aereboes begründet: der Schwerpunkt seines Werkes liegt in den Bildern der Neuen Sachlichkeit, die zwischen 1918 und 1930 entstanden. In dieser Phase ist es ihm gelungen, eine bereits existierende Stilrichtung zu eigenständigen Aussagen weiterzuentwickeln. Ein Protagonist war Aereboe nie, er griff Formen auf, die andere entwickelt hatten, vom Impressionismus über die Neue Sachlichkeit bis später zur abstrakten Kunst. Nicht immer gelangte er über Epigonentum hinaus. Brigitte Maaß-Spielmann sagt in ihrer Dissertation über den Maler (die gleichzeitig Werkverzeichnis und Katalog ist): "... Wo die Bildidee mit begründeten Gefühlen, mit dem eigenen Erleben vereint wird, schafft Aereboe überzeugende Leistungen; andernfalls ... droht der Bildausdruck ins Banale abzugleiten." Dieses Urteil kann der Ausstellungsbesucher an den Bildern der zwanziger Jahre bestätigt finden, der Phase, in der dem Maler Eigenständigkeit in ganz persönlichen Werken gelang. Da entstanden Bilder, die durch eigenartige Unwirklichkeit faszinieren: Das "Selbstbildnis in der Turmstube" (1924), "Die rote Jacke" (1924), "Der Blumenstrauß" (1926) und vor allem jener bekannte "Einsiedler" (1927). Das Rundbild, seit 1936 in Besitz der Kunsthalle, soll einen Vorfahren des Künstlers darstellen, ist aber zugleich ein Selbstporträt. Es entstand kurz nach dem frühen Tod seiner Frau und ist beladen mit einer Fülle von Symbolen für das verlorene Lebensglück. Aereboe selbst erwähnte den Zusammenhang mit Dürers "Melancholie I". Die neusachlichen Bilder bezeugen eine starke Affinität zu den alten Meistern, vor allem Memling beeinflußte den Künstler. Die künstlerische Gestaltung von persönlich Erlebtem verbunden mit großem Können und großer Sicherheit als Maler hat zu Ergebnissen geführt, die für eine Bedeutung Aereboes über die regionalen Grenzen seiner Heimat hinaus: sprechen. (Kunsthalle bis zum 29. Mai, Katalog, 38 Mark) Angelika Dombrowski

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