Natürlich ist der französische Wirtschafts- und Finanzminister Jacques Delors ein guter Rechner. Als der Hausherr in der Pariser Rue de Rivoli bei der Regierungsumbildung im März zum starken Mann des Kabinetts hinter Premierminister Pierre Mauroy und neben Sozialminister Pierre Bérégovoy, einem langjährigen Vertrauten von François Mitterrand, aufstieg, hatte er dem Präsidenten eine einfache Rechnung aufgemacht.

Wenn Frankreich, wie es einige Ratgeber im Elysée für richtig hielten, aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) ausscheide, werde dies für den Franc, für den Außenhandel und die gesamte Wirtschaft verheerende Folgen haben, die niemand beziffern könne. Bleibe Frankreich hingegen weiter im EWS, werde sich dies auszahlen.

Delors hatte dabei nicht nur daran gedacht, daß stabile Franc-Kurse zu den anderen EWS-Währungen für den französischen Außenhandel wesentlich sind. Er hatte auch schon die Möglichkeit ins Auge gefaßt, Kredite der Europäischen Gemeinschaft (EG) zur Stützung des Franc in Anspruch zu nehmen. Aus der Ankündigung, die Delors während der Verhandlungen über die Neufestsetzung der EWS-Kurse in Brüssel abgab, ist nun ein Antrag geworden. Die EG-Partner haben ihn am Montag gebilligt. Die Gemeinschaft wird auf dem internationalen Kapitalmarkt vier Milliarden Europäische Währungseinheiten (ECU), das sind etwa neun Milliarden Mark oder 27 Milliarden Franc, leihen und Frankreich als Kredit zur Verfügung stellen.

Die Nachricht über diesen EG-Kredit an Paris hat in Frankreich Aufsehen erregt. Nach der Anleihe bei den internationalen Banken im vergangenen Herbst, nach dem Bittgang zu den Saudis im Dezember ist dies die dritte große Kreditaufnahme der französischen Republik im Ausland. Während die konservative Rechte "Beunruhigung" über die Zunahme der Auslandsverschuldung zu Protokoll gab, wetterte das auf seine Art nicht weniger konservative KP-Blatt L’Humanité: "Frankreich wäre besser beraten, sich nicht unter die Aufsicht der Europäischen Gemeinschaft zu begeben."

Daß die Brüsseler Kommission nach der Kreditzuteilung Auflagen für die französische Wirtschaftspolitik stellen könnte, ist in der Tat etwas, was den Souveränitätsnerv vieler Franzosen trifft. Doch wenige Tage später hatte sich die Aufregung wieder gelegt. Es sei besser, sich das Geld bei er EG zu leihen, als auf dem internationalen Kapitalmarkt, meinte das KP-Blatt zu Beginn der Woche, denn dort. "diktiere der König Dollar das Gesetz".

Nun kann auch die EG die vier Milliarden ECU nirgendwo anders als auf den internationalen Kapitalmärkten holen, Zinsen und sonstige Gebühren gehen zu Lasten Frankreichs. Die Bedingungen werden für die EG als Kreditnehmer freilich günstiger sein als für die französische Regierung. Doch das ist nicht das Entscheidende. Wesentlich ist: Die Gemeinschaft bürgt sozusagen bei den Kreditgebern für ihr französisches Mitglied. Die vier Milliarden ECU sind ein Vorschuß auf den Erfolg des Programms der wirtschaftlichen Strenge, mit dem Delors das Außenhandelsdefizit abbauen und den Franc sanieren will. Das Programm ist für gut befunden worden.

Das ist ein Vorschuß an Vertrauen, den die EG-Partner auch im eigenen Interesse gewähren. Schließlich kommt es darauf an, den Druck vom Franc abzuleiten, ein neues Währungsgerangel zu vermeiden und sich damit zusätzlichen Ärger in der Agrarpolitik mit der dann fälligen Neufestsetzung der Währungsausgleichsbeträge für den grenzüberschreitenden Agrarhandel zu ersparen.