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Hamburg

Sonntagabend. Intercity 1514 von Köln nach Hamburg. Im Abteil kreist eine Flasche "Keller-Geister". Nachdem er einen kräftigen Schluck daraus getrunken hat, steht einer der fünf jungen Männer auf. Er klettert auf die Gepäckablage und streckt sich aus – eine Reisetasche dient als Kopfstütze. Kann man da oben überhaupt schlafen? "Klar, daran habe ich mich im Laufe von einem Jahr Bundeswehr gewöhnt", sagt er und nickt bald ein.

Auf den Gängen des Zuges ist das Bild ähnlich. Auch dort belagern müde Männer die Gepäckgitter. Sämtliche Klappsitze sind besetzt, und viele Reisende stehen. Die müden Männer sind wehrpflichtige Soldaten, die das Wochenende zu Hause im Ruhrgebiet verbracht haben und nun zurück in die Kasernen nach Norddeutschland müssen. Mehr als zehntausend von ihnen verbringen an jedem Wochenende zwischen 14 und 20 Stunden in überfüllten Zügen.

Die Zustände in den schnellen Zügen sind so chaotisch, weil die Soldaten nicht mehr alle Intercitys benutzen dürfen. Dazu war es gekommen, nachdem einige Kameraden im Dezember 1981 vier Waggons des "Rhein-Kurier" und im März 1982 mehrere Wagen eines D-Zuges auseinandergenommen hatten. Überdies hatten sich viele Fahrgäste beschwert über das schlechte Benehmen der Soldaten: Der eine fühlte sich durch das Remmidemmi im Abteil beim Zeitunglesen gestört, einem anderen blieb im Speisewagen der Bissen im Halse stecken, als eine Gruppe Soldaten dort auftauchte.

Das Staatsunternehmen verbot daraufhin den wehrpflichtigen Soldaten die Fahrt in Intercity-Zügen mit einer dreistelligen Nummer. Dies bedeutet, daß sie nun mit sieben Zügen in Nord-Süd- und sechs in Süd-Nord-Richtung nicht mehr fahren dürfen. Und eben diese Züge sind es, mit denen viele Soldaten fahren müßten, um ohne lange Wartezeit eine Anschlußverbindung nach Hause zu bekommen.

Eine dicke Akte

Seit zwei Jahren bemüht sich Oberst Eckhard Kiewin aus der Bose-Bergmann-Kaserne in Wentorf bei Hamburg, bessere Beförderungsbedingungen für die Soldaten zu erreichen. Die Korrespondenz mit Verteidigungsministerium und Bundesbahn ist inzwischen zu einer dicken Akte angeschwollen. Vor allem möchte er, daß die Bundesbahn wieder mehr Intercitys für die Soldaten freigibt: "Der Wehrpflichtige bringt ein Opfer für die Bürger und kann deshalb verlangen, daß er wie ein Bürger behandelt wird." Man müsse verstehen, daß die jungen Männer an jedem Wochenende nach Hause, vielleicht zur Freundin, wollten.

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Noch vor wenigen Jahren, sagt der Oberst, fuhren die Soldaten im eigenen Auto ins Wochenende. Jeden Freitag und Sonntag war "Nato-Rallye". Sie hatte zu zahlreichen Unfällen geführt, weil die Soldaten ihre wenig fahrtüchtigen Vehikel und sich selbst mit einem zu kräftigen Tritt auf das Gaspedal überforderten. Die Bundeswehr wollte, daß sich der Staat am Benzingeld beteiligte. Doch der damalige Verteidigungsminister Hans Apel lehnte ab. Dafür bewilligte er freie Familienheimfahrten mit der Bahn, um die Unfallrate zu verringern. Zunächst konnten die Soldaten einmal im Monat nach Hause fahren, später beliebig oft und auch in der zweiten Klasse der Intercity-Züge. Damit zeigte auch die Bundesbahn guten Willen. Stellte sie doch mit den Superzügen ihr einziges gewinnträchtiges Objekt zur Verfugung.

Um dieses Wohlwollen der Bundesbahn zurückzugewinnen, wurde sogar vom Verteidigungsausschuß eine Kommission gegründet. Sie trägt den Namen "Kommission zur Prüfung von Lösungsmöglichkeiten der Verhältnisse bei der Deutschen Bundesbahn beim Transport von Bundeswehrangehörigen an Wochenenden". Ihre Aufgabe ist es, mit der Bundesbahn über die Probleme zu verhandeln. Der Vorsitzende Klaus Francke meint: "Es kommt darauf an, daß beide Seiten aufeinander zugehen." Er hält es auch für wichtig, daß die Bundeswehr einen gestaffelten Dienstschluß am Freitag durchsetzt, damit die Züge gleichmäßig ausgelastet werden können.

Die Kommission bemühte sich auch darum, daß mit dem diesjährigen Sommerfahrplan versuchsweise der Intercity 634 von Hamburg nach Dortmund wieder von allen Wehrpflichtigen benutzt werden kann. Karl-Otto Paganetti von der Bundesbahndirektion in Frankfurt sieht allerdings keine Möglichkeit, wie die Platzkapazität für Soldaten erhöht werden könnte: "Das Problem ist für uns, daß wir die Intercity-Züge nicht beliebig verstärken können." Eine Bereitschaft, auf die Vorschläge der Kommission einzugehen, ließ er nicht erkennen. "Wir können ja nicht nur die Soldaten sehen", meint er. Es seien viele Zivilreisende von den Zügen abgewandert.

Das große Los

Sind aus diesem Grunde in den Intercitys mit den dreistelligen Nummern immer noch so viele Plätze frei? Oder liegt es nur daran, daß die Soldaten nicht mehr mitfahren dürfen? Immerhin vergibt die Bundesbahn seit dem Sommer des vergangenen Jahres für diese Züge Berechtigungsausweise. Nun dürfen wenigstens 288 Wehrpflichtige in je einen schnellen Zug einsteigen. Aber auf wen fällt schon das große Los bei Tausenden von Wehrpflichtigen?

Da begegnet man eher einem blinden Passagier wie jenem Soldaten, der, ohne dieses Privileg zu besitzen, eingestiegen ist. Er will nach Bochum. Der Intercity mit der vierstelligen Nummer, den er hätte nehmen dürfen, hält dort nicht. Darum ist er in diesen Zug eingestiegen. Er weiß, daß er damit das Risiko eingeht, hinausgeworfen zu werden. In Olpenitz bei Flensburg ist er stationiert. An jedem Wochenende ist er zwischen sieben und elf Stunden unterwegs. 40 000 Kilometer ist er wohl schon gefahren, jedes Wochenende 1300. "Wenn ich zu Hause ankomme, hole ich mir erst einmal Kohle bei den Eltern. Dann geht’s in die Kneipe", beschreibt er seine Ankunft am Freitagabend.

Er vermittelt nicht den Eindruck eines fröhlichen Wochenend-Urlaubers. Er wirkt bedrückt. Seine Probleme reichen über das Ende der Wehrpflichtzeit hinaus. Denn er weiß noch nicht, was er nach der Entlassung machen will. Er hat Kfz-Mechaniker gelernt und ist nach der Lehre entlassen worden. In seinem Beruf will er nicht mehr arbeiten. Aber arbeitslos möchte er auch auf keinen Fall werden: "Vielleicht mache ich den Taxi-Führerschein. Oder ich fahre Brötchen aus; die werden immer gebacken."

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Auch die fünf Soldaten im IC 1514 nach Hamburg sind nicht gut gestimmt. Wenn sie vom Bund und von ihrer beruflichen Zukunft berichten, verfinstern sich auch ihre Gesichtszüge. Sie sehnen das Ende der fünfzehn Monate herbei. Jeden Tag wird das Zentimetermaß im Spind mit einem Scherenschnitt um ein Stückchen verkürzt

Einer berichtet, daß Kameraden auch beim Bund in ihrem Beruf arbeiten könnten. Ein anderer erzählt, daß er Kfz-Mechaniker sei und Lastwagen fahre und repariere. Es mißfällt ihm aber, daß seine Vorgesetzten "immer alles besser wissen". "Wenn ich unabhängig arbeiten könnte, würde ich sogar Freude am Job haben", sagt er.

So sehr sich die Soldaten auf das Wochenende freuen – ein Vergnügen ist es gewiß nicht, jeden Freitag und Sonntag viele Stunden im Zug zu verbringen. Und werden: ihre Aggressionen nicht noch geschürt, wenn auf den Bahnhöfen die Feldjäger patrouillieren oder ein Bahnpolizist mehrmals in die Abteile blickt und in schroffem Ton sagt: "Füße von den Sitzen!", oder wenn ein Fahrgast provoziert: "Es ist ja ein Wunder, daß hier noch nicht alles vollgekotzt ist"?

Doch selbst wenn die Bundesbahn auf den Vorschlag der soldatenfreundlichen Kommission einginge und einen zusätzlichen Intercity wieder für alle Wehrpflichtigen freigäbe, wäre das Problem kaum gelöst. Offen bleibt, ob weiterverhandelt wird. Denn besagte Kommission hat nach einjähriger Tätigkeit ihre Arbeit eingestellt. Sie war ja auch nur mit der "Prüfung von Lösungsmöglichkeiten" beschäftigt. So bleibt zu hoffen, daß noch einmal eine Kommission eingesetzt wird, die sich um die Lösung "der Verhältnisse bei der Deutschen Bundesbahn beim Transport von Bundeswehrangehörigen an Wochenenden" bemüht. Denn es wäre doch, wie sich der Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Kurt-Peter Würzbach entrüstet, "ein armseliges Zeichen, wenn sich zwei Behörden in Friedenszeiten nicht einigten". Verena Ziegler