Noch vor wenigen Jahren, sagt der Oberst, fuhren die Soldaten im eigenen Auto ins Wochenende. Jeden Freitag und Sonntag war "Nato-Rallye". Sie hatte zu zahlreichen Unfällen geführt, weil die Soldaten ihre wenig fahrtüchtigen Vehikel und sich selbst mit einem zu kräftigen Tritt auf das Gaspedal überforderten. Die Bundeswehr wollte, daß sich der Staat am Benzingeld beteiligte. Doch der damalige Verteidigungsminister Hans Apel lehnte ab. Dafür bewilligte er freie Familienheimfahrten mit der Bahn, um die Unfallrate zu verringern. Zunächst konnten die Soldaten einmal im Monat nach Hause fahren, später beliebig oft und auch in der zweiten Klasse der Intercity-Züge. Damit zeigte auch die Bundesbahn guten Willen. Stellte sie doch mit den Superzügen ihr einziges gewinnträchtiges Objekt zur Verfugung.

Um dieses Wohlwollen der Bundesbahn zurückzugewinnen, wurde sogar vom Verteidigungsausschuß eine Kommission gegründet. Sie trägt den Namen "Kommission zur Prüfung von Lösungsmöglichkeiten der Verhältnisse bei der Deutschen Bundesbahn beim Transport von Bundeswehrangehörigen an Wochenenden". Ihre Aufgabe ist es, mit der Bundesbahn über die Probleme zu verhandeln. Der Vorsitzende Klaus Francke meint: "Es kommt darauf an, daß beide Seiten aufeinander zugehen." Er hält es auch für wichtig, daß die Bundeswehr einen gestaffelten Dienstschluß am Freitag durchsetzt, damit die Züge gleichmäßig ausgelastet werden können.

Die Kommission bemühte sich auch darum, daß mit dem diesjährigen Sommerfahrplan versuchsweise der Intercity 634 von Hamburg nach Dortmund wieder von allen Wehrpflichtigen benutzt werden kann. Karl-Otto Paganetti von der Bundesbahndirektion in Frankfurt sieht allerdings keine Möglichkeit, wie die Platzkapazität für Soldaten erhöht werden könnte: "Das Problem ist für uns, daß wir die Intercity-Züge nicht beliebig verstärken können." Eine Bereitschaft, auf die Vorschläge der Kommission einzugehen, ließ er nicht erkennen. "Wir können ja nicht nur die Soldaten sehen", meint er. Es seien viele Zivilreisende von den Zügen abgewandert.

Das große Los

Sind aus diesem Grunde in den Intercitys mit den dreistelligen Nummern immer noch so viele Plätze frei? Oder liegt es nur daran, daß die Soldaten nicht mehr mitfahren dürfen? Immerhin vergibt die Bundesbahn seit dem Sommer des vergangenen Jahres für diese Züge Berechtigungsausweise. Nun dürfen wenigstens 288 Wehrpflichtige in je einen schnellen Zug einsteigen. Aber auf wen fällt schon das große Los bei Tausenden von Wehrpflichtigen?

Da begegnet man eher einem blinden Passagier wie jenem Soldaten, der, ohne dieses Privileg zu besitzen, eingestiegen ist. Er will nach Bochum. Der Intercity mit der vierstelligen Nummer, den er hätte nehmen dürfen, hält dort nicht. Darum ist er in diesen Zug eingestiegen. Er weiß, daß er damit das Risiko eingeht, hinausgeworfen zu werden. In Olpenitz bei Flensburg ist er stationiert. An jedem Wochenende ist er zwischen sieben und elf Stunden unterwegs. 40 000 Kilometer ist er wohl schon gefahren, jedes Wochenende 1300. "Wenn ich zu Hause ankomme, hole ich mir erst einmal Kohle bei den Eltern. Dann geht’s in die Kneipe", beschreibt er seine Ankunft am Freitagabend.

Er vermittelt nicht den Eindruck eines fröhlichen Wochenend-Urlaubers. Er wirkt bedrückt. Seine Probleme reichen über das Ende der Wehrpflichtzeit hinaus. Denn er weiß noch nicht, was er nach der Entlassung machen will. Er hat Kfz-Mechaniker gelernt und ist nach der Lehre entlassen worden. In seinem Beruf will er nicht mehr arbeiten. Aber arbeitslos möchte er auch auf keinen Fall werden: "Vielleicht mache ich den Taxi-Führerschein. Oder ich fahre Brötchen aus; die werden immer gebacken."