ARD, Montag, 23. Mai, 22.40 Uhr: "Montezuma" vor, José Montes-Baquer nach der Novelle "Concierto Barroco" von Alejo Carpentier.

Ein reicher Mexikaner, ein "Herr", irgendwann im 18. Jahrhundert. Weil er einmal das Land seiner Väter und Vorfahren, das er nur von Bildern und aus Erzählungen kennt, sehen möchte, unternimmt er mit seinem farbigen Diener eine Reise in die Alte Welt, nach Spanien und Italien Die Euphorie aber wandelt sich schnell in herbe Enttäuschung, in Widerwillen und Abscheu, als sich neben den glanzvollen Fassaden in Kastilien Elend und Armut, hinter den Lustbarkeiten Betrug und Diebstahlsabsichten zeigen. Also schnell weg! Neue Vorfreude auf den Carnevale in Venedig, dieser "einzigartigen Stadt, bekannt für ihre Unabhängigkeit und die Schönheit ihrer Frauen".

Ein Zufall führt ihn zusammen mit Antonio Vivaldi – der ihn zu einem nächtlichen Besuch in das berühmte Internat "Ospedale della Pietà" führt (wo der "Prete Rosso" ja tatsächlich Violinlehrer war). Das höchst sonderbare Konzert des Orchesters der hübschen jungen Venezianerinnen mündet – Carnevale und Rotwein und barocker Lebenshunger und tugendhaft ummantelte Sinnlichkeit – in eine veritable Orgie, an der auch Händel (er war 1706/7 in Venedig, nicht 1709) und Scarlatti (er traf 1709 in Rom mit Händel zusammen und soll sich für den Rest seines Lebens, wenn der Name Händel fiel, bekreuzigt haben – zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Authentizität und Erfindung sind die Grenzen in diesem Film ständig fließend, und das macht, unter anderem, seinen Reiz aus) teilnehmen. Am Morgen darauf beschließen die Musiker, auf einem der Gräber des Friedhofs von San Michele, eine Oper über den mexikanischen Freiheitshelden Montezuma zu schreiben – deren Uraufführung dem wahren Mexikaner die Augen endgültig öffnet: Europäisches Kulturempfinden – das ist die Verfälschung einer Wirklichkeit um eines Theatereffekts willen.

Diese Novelle von Alejo Carpentier habe "nach Bildern geschrien", sagt Jost Montes-Baquer, und nach Musik offenbar auch. Eine Bild-Orgie ist dabei entstanden, umgeben von einer barock-fülligen Collage (Ingfried Hoffmann) aus Vivaldi und Jazz, Händel und Henze, Pergolesi/Strawinsky und Hoffmann.

Ein Film über ein Lebensgefühl, nicht nur das des Barock – aber auch über die Fassadenhaftigkeit dieser Attitüden; ein Film über die Freiheit von Kolonisatoren, die mit der generösen Geste einer kleinen Münze für die Leichenträger den an der Pest gestorbenen Diener vergessen-aber auch über die Freiheit eines Stallburschen, der am Ende sein eigenes Talent entdeckte; ein Film über eine Fabel, ein Symbol – und die hochgelobte europäische Kultur sieht dabei in einem Spiegel, wie ihre Schönheit sich zu einer merkwürdigen Grimasse verzerrt. Heinz Josef Herbort