Einen Monat vor der zweiten Polenreise des Papstes läßt sich deren Risiko, aber auch das noch größere einer Absage erkennen.

Zusammen mit den Bischöfen, deren Bistümer der Papst besuchen will (Warschau, Tschenstochau, Posen, Breslau, Kattowitz und Krakau) verabredete Kardinal-Primas Glemp Anfang der Woche in Rom die letzten Programmeinzelheiten. "Mit großer Würde und Freude" werde Johannes Paul II. empfangen werden, – "wenn es die anderen nicht verhindern", sagte Glemp.

Wer ist gemeint? Nicht so sehr die Sowjets, die zwar aus ihrem Unbehagen über die polnische Entwicklung keinen Hehl machen (wie ihre jüngste Polemik gegen die Warschauer Polityka und den Vizepremier Rakowski zeigt), jedoch dem Papstbesuch eher abwartend entgegensehen. Glemp fürchtet vor allem einheimische Provokateure: opportunistische Extremisten in der Partei, die ihre Schwäche durch halbstarke Kraftakte zu kompensieren versuchen, aber zuweilen auch von jenen Opponenten des Regimes ungewollt begünstigt werden, die den Papst nur als ihre Galionsfigur – oder gar nicht sehen möchten.

Nicht nur der brutale Überfall auf das Hilfskomitee des Primas in der St. Martins-Kirche und andere Gewaltakte gelten als Symptome. Durch gewollte Unglaubwürdigkeit provozierend war am 11. Mai um 7 Uhr früh der Kommentar von Radio Warschau, der – ungehindert vom Zensor – zum erstenmal den Papst selbst attackierte.

Gestützt auf ein amerikanisches Provinzblatt wurde Johannes Paul II. unterstellt, er sei nicht gegen einen atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion, weil diese sich "nicht von christlichen Grundsätzen" leiten lasse. Der Papst, der ganz eindeutig vor seiner Reise nach Polen die Freilassung "einiger -zig Personen" aus den Gefängnissen verlange, beziehe einen "zweideutigen Standpunkt gegenüber den auf Polen gerichteten Raketen und Atomsprengköpfen, die 36 Millionen seiner Landsleute mit dem Tode bedrohen". Der Kommentar schloß: "Wir meinen, es wäre gut, wenn der Papst vor seiner Polenreise seinen Standpunkt in dieser höchst wichtigen Frage eindeutig machen würde".

Polens Vatikanvertretung beeilte sich auf Rückfrage dem Papst zu versichern, daß derlei keineswegs die Auffassung General Jaruzelskis wiedergebe. Gleichzeitig bescheinigte Regierungssprecher Urban in der Polityka dem Kardinal-Primas "Mäßigung und Besonnenheit", beschuldigte jedoch "politisierende Kirchenkreise", daß sie vom Papstbesuch "in mystischer Weise die Entscheidung über das künftige Schicksal des Landes erwarten" und deshalb auf eine "verschärfte Linie gegenüber dem Staat drängen". Im Vatikan fragt man sich besorgt, ob und wie sich diese Stolpersteine aus echter Angst und falscher Hoffnung noch vom Pilgerweg des polnischen Pontifex entfernen lassen.

Hansjakob Stehle (Rom)