Von Andreas Kohlschütter

Ohne Medium schafft ein Journalist nichts, bringt er nichts zustande. Medium verstanden als großes und vielschichtiges Team. Als Blatt, Verlag, Verleger, Redaktion, Technik. In einer Krisensituation wie der israelischen Belagerung Westbeiruts vom vergangenen. Sommer wird dieses Verbundsystem besonders deutlich. Das im Terrain Erlebte und Recherchierte bedarf der Übersetzung, um zum Schwarz-auf-Weißen, zum Gedruckten, Lesbaren und Faßbaren zu werden. Der Durchbruch zum Nachvollziehbaren gezum dem Reporter nur mit Hilfe seines Mediums, der ihm zugewandten Zeitungs-, Radio- oder Fernsehinstitution.

Voll bewußt bin ich mir ferner, wie sehr im Journalistenleben der Zufall zur Regel wird, das Gesetz des Zufalls zur existenzbestimmenden Kraft. Jener fürsorgende Redaktionskollege, der mich damals darauf aufmerksam machte, avancierte nach einer vergnüglichen Kreuzfahrt, auf die ihn das Reise-Ressort seiner Zeitung geschickt hatte, zum politischen Nordafrika-Spezialisten und später zum Arabien-Experten. Sein Schiff warf in Tunis und Algier Anker, er ging an Land. Er war, wie es fortan in seiner Redaktion hieß, "schon einmal dort gewesen". Und das genügte. Seine Laufbahn als erfolgreicher und geschätzter Nahost-Kommentator hatte begonnen.

Mit Blick auf meinen eigenen journalistischen Werdegang frage ich mich oft, wohin mich mein Schicksal wohl getrieben hätte, wären die Russen am 21. August 1968 nicht in Prag einmarschiert. Ich weiß es nicht. In ständiger Begleitung mit solchem Zufall darf ich, muß ich leben. Mehr als andere. Das unterscheidet meine Journalistenexistenz von durchstrukturierten und berechenbaren Sprossenleiter-Karrieren. Daraus entsteht befreiende Leichtigkeit, aber auch Last, viel Spaß, aber auch viel Spannung. Es öffnen sich große Chancen für Selbstverwirklichung, es, droht die große Gefahr der Selbstüberschätzung. Gegen sie schützt der Respekt vor den zwei Unentbehrlichkeiten: dem Medium und dem Zufall.

Eine sehr amerikanische Frage: What makes you tick? Was treibt und beflügelt Sie? "Es ist das Zehn-Centstück, das meine Zeitung kostet, nicht wert", schrie mir ein amerikanischer Korrespondent der Hearst-Presse ins Ohr. Während des Yom-Kippur-Krieges 1973 waren wir zusammen auf dem Golan bei Sassa ohne viel Deckungs- und Absetzmöglichkeiten in eine syrische Artillerie-Feuerwalze à la Russe geraten. Glücklicherweise sind selbst solche Grenzsituationen nicht so engmaschig und auswegslos, wie es im Fernsehen den Anschein erweckt. Auch viele der israelischen Panzerinfanteristen, mit denen ich anschließend eine Nacht im Golan-Einsatz verbrachte, schüttelten verständnislos den Kopf: "Wir haben keine andere Wahl, uns zwingt man, hier zu sein. Aber Sie tun es ganz und gar freiwillig."

Wie komme ich eigentlich dazu? Was läßt mich die mit einem solchen Job verbundenen Gefahren, Risiken, Nervenanspannungen, Hetzereien und Scherereien, durch die ich ja auch meiner Familie zur Last falle, immer wieder vergessen und von neuem eingehen?

Ich bin auf zwei Beweggründe gestoßen. Der erste hat mit Geschichte, Zeitgeschichte zu tun. Mit meiner Partizipationslust; mit meiner unbändigen, nicht nachlassenden, weiterbrennenden Neugierde; mit meiner drängenden Suche nach historischen Startpunkten und Quellenbereichen. Dort teilnehmen, wo der erste Rohentwurf der Geschichte geschrieben wird. Die Nähe mit jenen Geschichte Situationen und jenen Akteuren erleben, die mit ihrem Push den Geschichtsteig anleben,