Über einen Versuch, die Kluft zwischen Philosophie und Naturwissenschaft zu überbrücken

Von Günter Haaf

München, im Mai

Der versöhnlichste Augenblick kam am späten Montagabend. Zweieinhalb Tage lang, von Montag bis Mittwoch letzter Woche, hatten sich die gut zwei Dutzend Philosophen und Wissenschaftler am Thema "Evolution und Freiheit" versucht. Vordergründig waren sie ganz auf akademisch-unterkühlten Informationsaustausch getrimmt, hintergründig argumentierten sie freilich mit Haken und Ösen, Arroganz und Ironie.

Doch der sanfte Krieg der Geisteswelten war momentan ausgesetzt, als der Münchner Philosophieprofessor Robert Spaemann seinen Kollegen und – wie er betonte – Lehrer Hans Jonas am Vorabend zu dessen 80. Geburtstag mit einer bemerkenswert geschliffenen und dazu menschlich warmen Laudatio würdigte. Jonas, Autor des Buches vom "Prinzip Verantwortung", hatte als junger Philosoph 1933 vor den Nazis flüchten müssen, kämpfte im Krieg auf britischer Seite und danach in Palästina und lehrt heute, längst Bürger der Vereinigten Staaten, an der New School for Social Research in New York. Am meisten, bekannte Spaemann, bewundere er, wie "frei und unbekümmert" sich Jonas heute in der Bundesrepublik bewege: ein nobles Beispiel menschlicher Freiheit über alle schlimme persönliche und historische Erfahrung hinweg.

So frei und unbekümmert ging es beim Disput um "Evolution und Freiheit" nicht zu, konnte es nicht zugehen: Die Philosophen, gefangen in ihren Denktraditionen, zeigten manchmal Lücken beim Verständnis neuerer naturwissenschaftlicher Sachverhalte; die Naturwissenschaftler, eine Lawine atomisierter Fakten zu kanalisieren versuchend, stolperten mitunter philosophischer Eloquenz hinterher. Und zwischen beiden Lagern, das bewies auch dieses, von der Münchner philosophischen Gesellschaft Civitas und dem amerikanischen Liberty Fund gemeinsam veranstalteten Symposium, zwischen beiden geistigen Welten klafft ein schier unüberwindbarer sprachlicher Abgrund.

Dennoch: Es war ein interessanter Versuch, ein längst zersplittertes Weltbild zu kitten, Dazu trug vor allem die weise Beschränkung auf zwei Themenkreise (Evolution und Freiheit in den Naturbeziehungsweise Geistes- und Sozialwissenschaften) und gut zwei Dutzend Teilnehmer bei. Auch die Palette der Spezialgebiete der Diskutanten reichte, gemessen an der enormen Spannweite des Themas, meist zu mehr als nur Farbtupfern in den angesprochenen Disziplinen, wobei zwangsläufig der fünfköpfige Block Münchner Philosophen (und Civitas-Mitglieder) etwas zu gewichtig war: neben Spaemann die Spaemann-Schüler und Symposiumsleiter Peter Koslowski und Reinhard Löw sowie Professor Hermann Krings und dessen Schulen Wilhelm Vossenkuhl.