Einer kann nicht mehr. Er weiß alles über den Hunger in der Welt, über die Möglichkeiten, ihn zu bekämpfen. Aber je mehr er weiß, desto deutlicher sieht er, wie wenig seine Kenntnisse in Wirklichkeit gefragt sind. Der Norden ist reich, der Süden ist arm: Wer will das ändern?

Der deutsche Schauspieler Heinz Bennent stellt diesen Wissenschaftler in einem Film des Schweizer Regisseurs Claude Goretta dar: "Der Tod des Mario Ricci", eine leise, nachdenkliche, melancholische Studie über die krisenhafte Verfassung einer von Überfluß und Überdruß zerfressenen Gesellschaft, deren Funktionäre erst allmählich merken, daß nichts mehr geht, daß die Zeiten des Wachstums vorüber sind. Der Schauplatz ist ein abgelegenes Dorf, in das sich der berühmte Hunger-Forscher zurückgezogen hat. Ein zweiter Fremder, nicht minder desillusioniert über den Zustand der Welt, stört den falschen Frieden: Ein Journalist (Gian Maria Volonte), verkrüppelt nach einem Unfall in der Dritten Welt, der ein Interview mit dem schwierigen Eremiten plant, aber immer mehr in das konfliktreiche Innenleben des nur scheinbar so idyllischen Dorfes eindringt.

Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein tastender Dialog, aber am Ende bleiben sie einander fremd. Fremd bleiben sie auch den Erschütterungen gegenüber, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielen. Die Männer verlassen das Dorf: jeder für sich, Gott gegen alle.

Nicnts geht mehr. Nach einer Woche in Cannes, in einem durch die menschenverachtende Brutalität der Zustände im neuen Festival-Bunker vergifteten Klima, zeichnen sich deutlich thematische Zusammenhänge zwischen den interessanteren Filmen dieser an Höhepunkten bislang armen Veranstaltung ab. Reisen ans Ende einer abendländischen Illusion: daß die Verhältnisse zwar krisenhafter und bedrohlicher geworden sind, aber doch mit den schier unerschöpflichen Mitteln des westlichen Verstandes, der nachindustriellen Technologie kontrollierbar bleiben. Diese Annahme kann sich zu einem tödlichen Mißverständnis entwickeln, manchmal auch nur zu einem komischen. Darum geht es bei Claude Goretta, davon handeln auch die neuen Filme des Japaners Nagisa Oshima ("Fröhliche Weihnachten, Mr. Lawrence"), des Australien Peter Weir ("The Year öf Living Dangerously / Ein Jahr in der Hölle") und des Schotten Bill Forsyth ("Local Hero").

Drei Variationen über ein Thema, das in den Jahren des unbegrenzten Fortschrittglaubens keines mehr zu sein schien, jedenfalls keines für das Kino: der kolonialistische Wahn in den Köpfen weißer Eroberer, die fremde Kulturen nur an den Maßstäben ihrer eigenen zu messen vermögen. In den Rissen, die sich auftun zwischen ihrer praktischen Philosophie der totalen "Machbarkeit" und den ganz anderen, verwirrend vielfältigen Realitäten des fremden Terrains, gehen sie unter: die traurigen Narren der Moderne.

Die komische Version dieser Geschichte erzählt der junge schottische Regisseur Bill Forsyth, eines der größten Talente des im neuen Glanz erblühenden Kinos auf den britischen Inseln, in seinem dritten Film "Local Hero". Ein smarter amerikanischer Nachwuchsmanager, der die lästige Angelegenheit am liebsten mit ein paar Fernschreiben erledigt hätte, wird in ein schottisches Dorf geschickt, um den ganzen Ort heimlich aufzukaufen. An seiner Stelle soll eine gigantische Ölraffinerie errichtet werden. Ganz allmählich verfällt der Texaner dem seltsamen Charme der Lokalität, aber keine heile Märchenwelt verströmt hier ihren altmodischen Zauber, sondern die Fronten verkehren sich auf eine überraschende Weise. Während der Fremde versucht, das Dorf und seine Traditionen zu retten, sind die Einheimischen nur allzu bereit, den totalen Ausverkauf zu betreiben.

Daß am Ende auf wundersame Weise doch noch alles gut wird, liegt am unverhofften Bündnis zwischen den Käuzen und Spinnern dieser Welt. Der an Astronomie. längst mehr als an Profiten interessierte alte texanische Öl-Milliardär (den der wunderbare Burt Lancaster als Fossil aus menschlicheren Zeiten spielt) erscheint als dem ex machina in Schottland und verbündet sich mit einem anderen Sonderling, der die Sterne liebt.