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Geistige Siege sind ebensowenig dauerhaft wie militärische. Irgendwann wird die siegreiche Idee durch Erfolg kompromittiert, verliert ihre Anziehungskraft, und die einst unterlegene Idee gewinnt an Boden. Das gilt auch für den Sieg, den Marx über einen seiner größten Konkurrenten, über den russischen Anarchisten Michail Bakunin errang.

Es war tatsächlich ein gewaltiger Sieg. Während der Anarchismus als politisch wirkende Macht nur in Spanien und nur kurze Zeit lebendig war, gelang dem Marxismus der Umsturz der abendländischen Welt. Er wurde, in der Gestalt des Leninismus und später des Stalinismus, zur totalitären Staatsideologie. Damit aber kam es genau zu dem, was Bakunin vorhergesagt hatte: nämlich "zur Beherrschung der großen Mehrheit der Volksmassen durch eine privilegierte Minderheit. Diese Minderheit aber, so sagen die Marxisten, wird aus Arbeitern bestehen. Mit Verlaub, aus ehemaligen Arbeitern, die aber, kaum sind sie zu Volksvertretern geworden oder an die Regierung gelangt, aufhören, Arbeiter zu sein und vielmehr auf die ganze Welt der einfachen Arbeiter von der Höhe des Staates herabzusehen beginnen; und so werden sie bereits nicht mehr das Volk, sondern sich selbst repräsentieren und ihren Anspruch darauf, das Volk zu regieren. Wer das bezweifelt, der kennt die menschliche Natur nicht". Und zu der von Marx geforderten Diktatur des Proletariats sagt Bakunin: "Wir dagegen behaupten, daß eine Diktatur kein anderes Ziel haben kann als nur das eine, sich zu verewigen. Freiheit kann nur durch Freiheit geschaffen werden."

Bakunin schrieb das 1873 in seinem letzten Werk "Staatlichkeit und Anarchie". Marx, der zu den wenigen gehörte, die das russisch geschriebene Buch kannten, bemerkte zu den zitierten Passagen: "Schülerhafte Eselei! Blödsinn"! Er haßte Bakunin, weil dieser, ein rhetorisch begabter Agitator, wirkungsvoll gegen den "autoritären Staatskommunismus" von Marx Front machte. Bakunin hingegen, der viel von ihm gelernt hatte, gab immer zu, daß Marx ihm überlegen war: "Man wird wohl kaum einen Menschen finden, der so viel weiß und gelesen hat, und dabei mit so viel Verstand gelesen hat, wie Marx." Er nannte ihn aber auch "streitsüchtig, unduldsam und rachsüchtig bis zum Wahnsinn".

Bakunins frühe Kritik des marxistischen Etatismus war erstaunlich hellsichtig. Sie wurde zum Vorbild all jener,. die später aus anarchistischsozialistischer Überzeugung Kritik am allmächtigen Marx übten, bis hin zu den "Situationisten" der frühen Studentenbewegung und den späteren Sponti-Gruppen. Dies ist aber keineswegs das Hauptthema von "Staatlichkeit und Anarchie". Es zu nennen ist schwierig, weil Bakunin kein systematischer Denker war und keine geschlossene Theorie hinterlassen hat. Obwohl philosophisch geschult und in Rußland als bester Hegel-Kenner geltend, war er, zumindest in seinen späteren Jahren, ein Gegner von Wissenschaft und Theorie. "Weg mit allen religiösen und philosophischen Theorien!" schrieb er, "Sie sind nur eine Lüge; die Wahrheit ist keine Theorie, sondern die Tat, das Leben selbst."

In jener Zeit, als das Gedankengebäude des deutschen Idealismus im Streit der Hegelianer auseinanderbrach, gelangte Bakunin zu einer eigenen Vorstellung von Theorie und Praxis. Während Marx die Einheit von Theorie und Praxis theoretisch formulierte, bestand Bakunin darauf, daß die Praxis aller Theorie vorgeordnet sei und proklamierte eine "Philosophie der Tat".

Das ist natürlich im strengen Sinne keine Philosophie mehr. So sind denn Bakunins Schriften, vor allem auch "Staatlichkeit und Anarchie", temperamentvolle, wirkungsvoll geschriebene Kommentare zur politischen Situation, deren sprachliche Form sich eher an der großen, polemischen Rede orientiert als am wissenschaftlichen Traktat. Gerade weil Bakunin, auch darin Anarchist, strenger theoretischer Argumentation mißtraut, kommt er zu Einsichten, die dem analytisch viel genaueren Marx verschlossen blieben. "Wer vom abstrakten Denken ausgeht, der wird niemals das Leben einholen, denn von der Metaphysik zum Leben führt kein Weg." Mit den "Metaphysikern" meint er nicht nur die Hegelianer, "sondern überhaupt alle Priester der Göttin Wissenschaft, überhaupt jeden, der sich (.. .) das Ideal einer sozialen Ordnung gemacht hat, in das er, ein neuer Prokrustes, um jeden Preis das Leben der künftigen Generationen zwängen will".

Das geht gegen Marx. Einige Zeilen später wendet sich Bakunin gegen den Despotismus der Wissenschaftler: "Laßt innen die volle Freiheit und sie werden an der Menschheit dieselben Versuche unternehmen, die sie jetzt an Kaninchen, Katzen und Hunden machen." Das ist ein Gedanke, der heute etwa von Paul Feyerabend wieder in sein Recht gesetzt worden ist.

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Bakunin ist der Überzeugung, "daß man niemandem, weder einem einzelnen, noch einer Gesellschaft, noch einem Volk etwas geben kann, das nicht schon in ihm angelegt ist". Daraus schließt er, daß es unerlaubt und sinnlos sei, von einem besserwisserischen Standpunkt aus das Volk belehren und ihm sagen zu wollen, wie es sich zu organisieren habe. Das ist auch der Grund, weshalb Bakunin nur sehr allgemeine Vorstellungen dazu entwickelt, wie eine künftige Gesellschaftsordnung aussehen soll. Das herauszufinden ist Sache der revoltierenden Massen selber und kann nicht vorher entschieden werden. Bakunin sah also seine Aufgabe nicht darin, eine Gesellschaftstheorie zu entwerfen, sondern darin, die vorhandenen revolutionären Tendenzen durch Agitation zu bündeln. So reiste er, kaum der brutalen sechsjährigen Haft in Sibirien entflohen, quer durch Europa und wurde, wie ein späterer Biograph schrieb, zum "Satan der Revolte

"Staatlichkeit und Anarchie" ist die erste Hälfte einer auf zwei Teile geplanten Einleitung zu einem größeren Werk des gleichen Titels. Bakunin hat, soweit man weiß, nicht mehr als diesen ersten Teil geschrieben. Das Buch ist ein 250 Seiten starkes Fragment.

Passagenweise ist "Staatlichkeit und Anarchie" mühsam zu lesen, weil Bakunin einigermaßen unsystematisch, Wiederholungen nicht scheuend, die politische Szenerie der Großmächte seiner Zeit polemisch kommentiert und nicht selten die effektsichere Formulierung der genauen Analyse vorzieht. An anderer Stelle jedoch erreicht die Schrift nahezu die Qualität von Heinrich Heines Abhandlung "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland". Mit nimmermüdem Eifer erregt sich Bakunin über die Unfähigkeit der Deutschen zur Rebellion und über ihre Ordnungsliebe. "Die Deutschen haben der Freiheit niemals bedurft." Voller Haß gegen Bismarck fürchtet er die Ausbreitung eines pangermanischen Reiches, prophezeit er den unausweichlichen Krieg zwischen Rußland und Deutschland, den Deutschland gewinnen wird, denn: "Um die Slawen zu disziplinieren, muß man sie unter dem Knüppel halten, während jeder Deutsche den Knüppel küßt, freiwillig und aus Überzeugung." Gerade aber deshalb setzt Bakunin auf seine Landsleute große Hoffnungen. Ihr traditioneller Haß gegen Staat und Ordnung prädestiniere sie für eine Revolution. Auch in diesem Punkt behielt er gegen Marx recht.

Mag auch die Germanophobie Bakunins manchmal lächerlich wirken, so Kommt er doch zu einer Kritik der Deutschen, die von erschreckender prophetischer Qualität ist. Über den deutschen Offizier schreibt er: "Man schaue sich nur diese zivilisierte Bestie, diesen Lakaien aus Überzeugung und Henker aus Berufung an. Ist er jung, so sieht man mit Erstaunen an Stelle eines Ungetüms einen blonden Jüngling wie Milch und Blut, mit leichtem Flaum auf der Oberlippe, bescheiden, still und sogar schüchtern, aber stolz – die Arroganz schimmert durch – und unbedingt sentimental. Er kennt Goethe und Schiller auswendig, und die ganze humanistische Literatur des großen vergangenen Jahrhunderts ist durch seinen Kopf gegangen, ohne darin auch nur einen einzigen menschlichen Gedanken oder in seinem Herzen das geringste menschliche Gefühl zurückgelassen zu haben. Den Deutschen war es überlassen, eine anscheinend unlösbare Aufgabe zu lösen: Bildung mit Barbarei und Gelehrsamkeit mit Lakaientum zu vereinen." Ulrich Greiner

Ulrich Greiner ist Feuilletonredakteur der ZEIT