Bakunin ist der Überzeugung, "daß man niemandem, weder einem einzelnen, noch einer Gesellschaft, noch einem Volk etwas geben kann, das nicht schon in ihm angelegt ist". Daraus schließt er, daß es unerlaubt und sinnlos sei, von einem besserwisserischen Standpunkt aus das Volk belehren und ihm sagen zu wollen, wie es sich zu organisieren habe. Das ist auch der Grund, weshalb Bakunin nur sehr allgemeine Vorstellungen dazu entwickelt, wie eine künftige Gesellschaftsordnung aussehen soll. Das herauszufinden ist Sache der revoltierenden Massen selber und kann nicht vorher entschieden werden. Bakunin sah also seine Aufgabe nicht darin, eine Gesellschaftstheorie zu entwerfen, sondern darin, die vorhandenen revolutionären Tendenzen durch Agitation zu bündeln. So reiste er, kaum der brutalen sechsjährigen Haft in Sibirien entflohen, quer durch Europa und wurde, wie ein späterer Biograph schrieb, zum "Satan der Revolte

"Staatlichkeit und Anarchie" ist die erste Hälfte einer auf zwei Teile geplanten Einleitung zu einem größeren Werk des gleichen Titels. Bakunin hat, soweit man weiß, nicht mehr als diesen ersten Teil geschrieben. Das Buch ist ein 250 Seiten starkes Fragment.

Passagenweise ist "Staatlichkeit und Anarchie" mühsam zu lesen, weil Bakunin einigermaßen unsystematisch, Wiederholungen nicht scheuend, die politische Szenerie der Großmächte seiner Zeit polemisch kommentiert und nicht selten die effektsichere Formulierung der genauen Analyse vorzieht. An anderer Stelle jedoch erreicht die Schrift nahezu die Qualität von Heinrich Heines Abhandlung "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland". Mit nimmermüdem Eifer erregt sich Bakunin über die Unfähigkeit der Deutschen zur Rebellion und über ihre Ordnungsliebe. "Die Deutschen haben der Freiheit niemals bedurft." Voller Haß gegen Bismarck fürchtet er die Ausbreitung eines pangermanischen Reiches, prophezeit er den unausweichlichen Krieg zwischen Rußland und Deutschland, den Deutschland gewinnen wird, denn: "Um die Slawen zu disziplinieren, muß man sie unter dem Knüppel halten, während jeder Deutsche den Knüppel küßt, freiwillig und aus Überzeugung." Gerade aber deshalb setzt Bakunin auf seine Landsleute große Hoffnungen. Ihr traditioneller Haß gegen Staat und Ordnung prädestiniere sie für eine Revolution. Auch in diesem Punkt behielt er gegen Marx recht.

Mag auch die Germanophobie Bakunins manchmal lächerlich wirken, so Kommt er doch zu einer Kritik der Deutschen, die von erschreckender prophetischer Qualität ist. Über den deutschen Offizier schreibt er: "Man schaue sich nur diese zivilisierte Bestie, diesen Lakaien aus Überzeugung und Henker aus Berufung an. Ist er jung, so sieht man mit Erstaunen an Stelle eines Ungetüms einen blonden Jüngling wie Milch und Blut, mit leichtem Flaum auf der Oberlippe, bescheiden, still und sogar schüchtern, aber stolz – die Arroganz schimmert durch – und unbedingt sentimental. Er kennt Goethe und Schiller auswendig, und die ganze humanistische Literatur des großen vergangenen Jahrhunderts ist durch seinen Kopf gegangen, ohne darin auch nur einen einzigen menschlichen Gedanken oder in seinem Herzen das geringste menschliche Gefühl zurückgelassen zu haben. Den Deutschen war es überlassen, eine anscheinend unlösbare Aufgabe zu lösen: Bildung mit Barbarei und Gelehrsamkeit mit Lakaientum zu vereinen." Ulrich Greiner

Ulrich Greiner ist Feuilletonredakteur der ZEIT