Hamburg

Nichts hatte auf eine Palastrevolution im Hamburger Tierschutzverein von 1841 e. V. hingedeutet. Die jährliche Mitgliederhauptversammlung war rechtzeitig satzungsgemäß im Vereinsorgan Ich und Du angekündigt worden, und auch die turnusmäßig anstehende Vorstandswahl versprach keine Überraschungen.

Erster Vorsitzender war seit drei Jahrzehnten unangefochten der Kunstpelz-Händler und Geschenkartikel-Kaufmann Otto Kertscher. Seine Wiederwahl und auch die Bestätigung der übrigen fünf Vorstandsmitglieder schienen reine Formsache zu sein. Auch der 66jährige Otto Kertscher selbst rechnete fest damit und trat – "auf ärztliches Anraten hin" – einen Erholungsurlaub an.

Er sei sehr betroffen gewesen, als er wenige Tage später im fernen Gran Canaria telephonisch von seiner Abwahl erfahren habe, sagt Kertscher. "Ich kann das Ganze nur als einen Überfall bezeichnen."

Was war geschehen? Während in den vergangenen Jahren immer nur etwa 40 der gut 7000 Mitglieder des Hamburger Tierschutzvereins zur Jahreshauptversammlung gekommen waren, drängelten sich diesmal rund 150 Tierfreunde im Versammlungsraum des Vereinstierheims in der Süderstraße. Unter ihnen etliche erst in den letzten Monaten neu eingetretene Mitglieder, von denen einige der grün-alternativen Szene zugerechnet werden konnten. Wie üblich nahm die Versammlung den Rechenschaftsbericht des Vorstandes entgegen, entlastete ihn und wählte einen neuen. Dies nun allerdings nicht mehr routinemäßig; denn statt Otto Kertscher wurde der 48jährige Werbefachmann Gerd Caspersen mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden gewählt. Auch die übrigen Vorstandsmitglieder wurden ersetzt. Seit diesem Tag – so schrieb die Bild-Zeitung gewohnt martialisch – tobt in Hamburg "der Krieg um den Tierschutzverein".

Der frisch gewählte Zweite Vorsitzende, der 36jährige Diplomsozialwirt Reiner Köhnke, bestreitet, daß es sich bei der Neuwahl des Vorstandes um ein abgekartetes Spiel gehandelt habe. Der Entschluß, bei der Wahl auch Gegenkandidaten aufzustellen, sei erst während der Versammlung gefaßt worden. "Der alte Vorstand hat sich in erster Linie nur um die Haustiere gekümmert und den Umwelt- und Artenschutz völlig vernachlässigt", sagt Reiner Köhnke. "Der Tierschutz muß jedoch im gesamt-ökologischen Zusammenhang gesehen werden." Man wolle zwar die Arbeit des früheren Vorstands fortsetzen, künftig aber mehr als bisher auch mit Umwelt- und Tierschutzgruppen zusammenarbeiten. So zum Beispiel mit der Bürgerinitiative "Rettet die Elbe", deren Mitstreiter, der Elbfischer Heinz Oestmann, jetzt im Beirat des neuen Vorstands sitzt.

Da sich Oestmann auch in der Grün-Alternativen Liste (GAL) der Hansestadt engagiert und die GAL-Bürgerschaftsabgeordnete Angelika Birk ebenfalls im Beirat des neuen Vorstands vertreten ist, war der Vorwurf schnell gemacht: Die GAL habe den gemeinnützigen Tierschutzverein unterwandert und nutze dies nun für ihre politischen Ziele.