Von Horst Bieber

Laut Verfassung soll General Augusto Pinochet Ugarte mindestens bis 1989 als chilenischer Präsident amtieren; seit den Unruhen der vergangenen Woche ist jedoch fraglich, ob er im kommenden September noch den zehnten Jahrestag des Militärputsches gegen Salvador Allende feiern kann. In weniger als zwölf Monaten hat das Regime jegliche Unterstützung verloren; es hat die gesamte Bevölkerung gegen sich aufgebracht. Am Mittwoch voriger Woche – von den Gewerkschaften zum Tag des "nationalen Protests" ausgerufen – trommelten wieder Hausfrauen auf leeren Kochtöpfen. Mit diesem Unmutslärm hatte vor zehn Jahren auch der Sturz des sozialistischen Präsidenten begonnen: Der Mittelstand, in Chile politisch einflußreicher als es seinem sozialen Gewicht entspricht, stimmte gegen die Diktatur.

Begonnen hat diese Abstimmung Ende Dezember 1982. Nach einem Jahr wirtschaftlicher Talfahrt, wie es Chile so schlimm noch nie erlebt hat, wagten sich die ersten Demonstranten auf die Straße. Sie verlangten "Brot und Jobs", aber das Regime handelte getreu seiner Devise, "schon den Funken des Aufruhrs auszutreten" (Pinochet). Massenverhaftungen und -verhöre, Folterungen und Verbannungen bewirkten jedoch, was sie verhindern sollten: Der soziale Protest verwandelte sich in eine politische Opposition.

Bis dahin für unmöglich Gehaltenes wurde Wirklichkeit. Die in fünf Gruppen zerfallenen Sozialisten nahmen Einigungsgespräche auf. Die verbotenen Parteien von ganz rechts bis ganz links verständigten sich auf einen gemeinsamen Appell für Freiheit und Demokratie. Die vom Militär besonders geächteten Kommunisten wurden eingeladen, sich an der Vielparteienfront zu beteiligen; gleichzeitig verständigte sich diese Multipartidaria auf den Ausschluß aller jener Bewegungen, die gewaltsam gegen das Regime vorgehen und ihm die Selbstrechtfertigung der "nationalen Sicherheit" leichter machen. Der als konservativ eingeschätzte neue Erzbischof von Santiago, Franzisco Fresno, schlug sich auf die Seite der Demonstranten. Die Gewerkschaften schufen Informationskanäle, gegen die Polizei und Militär bislang nichts ausrichten konnten.

Pinochet hat den Rat nicht befolgt. Er marschiert, so beschreibt es ein Vertrauter verzweifelt, geradewegs in den Bunker zurück (das deutsche Wort "Bunker" erinnert im Spanischen an Hitlers letzte Tage). Doch aus diesem Bunker herauszukommen und einen geordneten Übergang in eine wenn auch nur "gelenkte" Demokratie vorzubereiten, war Ziel und Zweck der neuen Verfassung von 1980, der zwei von drei wahlberechtigten Chilenen zugestimmt hatten. Damals erlebte Chile freilich einen Wirtschaftsboom; der soziale Fortschritt ließ den Mangel an Demokratie erträglich erscheinen.

Seitdem haben sich die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen drastisch verschlechtert, und dafür zeichnen die Militärs voll verantwortlich. Sie haben mit dem Verfassungsreferendum von 1980 darauf verzichtet, ihre Maßnahmen noch länger mit der Allendeschen Erblast zu rechtfertigen. Deshalb geht es im Moment nicht um eine gewaltsame Ablösung der Militärs, sondern um ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, mit dem sich Pinochet auf Gedeih und, wie sich jetzt zeigt, auf Verderb verbunden hat.