Bergenhusen, gelegen auf einem Geestrücken in den Niederungen zwischen der Treene und der Alten Sorge im Kreis Schleswig/Flensburg, ist als "Storchendorf" bekannt. Den Einwohnern schwante nichts Gutes, als in diesem Jahr der "Poststorch" nicht, wie in vielen Jahren zuvor, pünktlich am 28. März eintraf. Der sonst auf dem Dach der Poststelle brütende Vogel kam, wie viele seiner Artgenossen, auch im April nicht.

Wulf Hansen, Tierarzt im wenige Kilometer entfernten Dorf Süderstapel, macht ein sorgenvolles Gesicht: "Wenn nicht gestern und vorgestern noch je ein Nest besetzt worden wäre, hätten wir in diesem Jahr zum 1. Mai nicht einmal ein Dutzend Storchenpaare in Bergenhusen gehabt." In Hansens Haus und Garten ist eine Weißstorch-Auffangstation provisorisch untergebracht. Während einer der sechs schwarzweiß gefiederten Schreitvögel, die seine Frau Eva hier täglich füttert, auf das Wohnzimmerfenster zustolziert, beschreibt der Tierarzt die Situation: "Wie in Bergenhusen sieht es im ganzen Gebiet von Stapelholm aus. Viele Störche sind bisher gar nicht wiedergekommen, und die meisten trafen mit großer Verspätung aus dem Süden ein."

Noch müssen die Bergenhusener, auch mit einer abermals geschrumpften Storchenzahl, nicht um ihren fremdenverkehrswirksamen Namen "Storchenparadies" fürchten; im nahen Seeth dagegen, wo 1982 noch sechs Storchenpaare beherbergt wurden, steht es schon sehr schlecht; Bis Ende April wurde erst ein besetztes Nest registriert. Der Ort an der vielbefahrenen Bundesstraße 202 läuft nun Gefahr, vom zweiten Platz auf der bundesdeutschen "Storchenskala" verdrängt zu werden.

Niemandem hier steht freilich der Sinn nach einem Wettstreit um die meisten Störche; allen geht es darum, den Weißstorch als charakteristischen Vogel ihrer von Wiesen und Weiden geprägten Landschaft zu erhalten. Zahlen beweisen, wie dringend nötig es ist, sich mit allen Kräften für das Wohlergehen der Störche einzusetzen:

In Norawestdeutschland ist der Storchenbestand seit der Jahrhundertwende um über 90 Prozent zurückgegangen – von etwa 8000 Brutpaaren auf weniger als 700. Zur Jahrhundertwende gab es allein in Niedersachsen rund 4500 Brutpaare. Im Jahr 1934 war die Zahl auf 1925 gefallen, sie sank weiter auf 765 Paare im Jahr 1965 und auf 423 im Jahr 1975. Im vergangenen Jahr waren es nur mehr 333. In Schleswig-Holstein, dem zweiten traditionsreichen Storchenland, brüteten statt der 1794 Paare im Jahr 1934 vor zwei Jahren nur noch 403.

1982, so belegt es die von Georg Fiedler für Bergenhusen und das umliegende Stapelholmer Land geführte Statistik, war für die Störche ein "Störungsjahr". Ein Drittel der 18 Horstpaare des Storchendorf brüteten überhaupt nicht. Die restlichen zwölf Paare brachten nur 18 Junge hoch. Im gesamten Bereich der Bundesrepublik, in dem die Zahl der brütenden Störche seit 1934 von 4407 auf unter 800 im vergangenen Jahr gefallen ist, sah das Vermehrungsergebnis noch schlechter aus.

Nicht nur die Hansens in Süderstapel hatten gehofft, daß es in diesem Jahr wieder besser mit den Störchen werde. Denn schon einmal, 1973, hatte es in jüngerer Vergangenheit ein Katastrophenjahr gegeben. Damals zogen nach einer Dürre im südafrikanischen Winterquartier, der viele Störche zum Opfer gefallen waren, in Bergenhusen von dreizehn Paaren ganze drei zusammen zehn Junge auf. Doch schon im darauffolgenden Jahr stellten sich wieder 20 Paare ein, von denen 14 brüteten.