Der Pfarrer wird Don Camillo genannt, der Bürgermeister naturgemäß Peppone. "Der Pfarrer", sagt der Bürgermeister, "war Gärtner, bevor er mit 27 Jahren Abitur machte." Kaum, daß er im Lande war, hat er einen Karnevalsverein gegründet. Er hat das Pfarrzentrum billiger als veranschlagt gebaut, weil er selber Steine schleppte und einen alten Kran mit Gewinn verkaufte. Selbstverständlich haben sie schon miteinander gestritten. Der Pfarrer wollte Kupfer für das Dach des Kirchturms, er die heimischen Ziegel. Bis vor den Kirchenvorstand sind sie gegangen. Jetzt deckt Kupfer die Kirche.

"Gottes Gebetsbuch" nennen sie hier ihr Land. Soweit das Auge reicht, grünen Weinberge. Aus dem akkuraten Muster von Stützen und Ranken grüßen die Kirchtürme von Kirrweiler, Maikammer und Edenkoben. Viele Häuser haben noch die flachen rotscheckigen Biberschwanzziegel.

St. Martin liegt zu Füßen der Haardt, jenes Höhenzuges des Pfälzer Waldes, der die 80 Kilometer lange Weinstraße von Bockenheim im Norden bis Schweigen im Süden begleitet. Rechts und links der Weinstraße sind die Winzerdörfer und -städtchen aufgereiht. Die besten Weine gedeihen auf den Hügeln, die der Haardt entgegenstreben. Erst in jüngster Zeit wurden Reben in der Rheinebene gepflanzt. Der Haardtrand ist unter Landschaftsschutz gestellt worden. Im Mai, wenn die Eßkastanien blühen, sieht er aus, als sei er mit einem Pinsel weiß angestrichen worden – sofern nicht die Spekulanten bereits am Werk waren. In Bad Dürkheim wuchert am Haardtrand das Geschäft mit den Wochenendhäuschen, und bei Neustadt, unterhalb des Hambacher Schlosses, ist eine teure Wohngegend entstanden.

St. Martin wurde von einer fränkischen Sippe gegründet. Das älteste Haus ist das Café Dalberg, in seinem Innenhof steht ein Torbogen mit der Jahreszahl 1168. Neubaugebiete in weißem Putz und schwarzem Schiefer sind hinzugekommen. Doch weil das Rebengelände so kostbar ist, siedeln die Leute von St. Martin jetzt tiefer im Tal. Und selbst hier pflanzt jeder vor sein Haus einen Wingert.

Jagdglück für Lukull

"Gibt es etwas Schöneres", fragt ein Mann, mit dem wir ins Gespräch kommen, "als zum Feierabend auf einer Bank zu sitzen und seinen Wingert zu betrachten?" Der eigene Weinberg ist bei allen Bewohnern Ehrensache. In St. Martin gibt es 80 Vollerwerbswinzer und 160 "Mondschein-Weinbauern", die der Winzergenossenschaft Ritter von Dalberg angehören. Mondscheinwinzer versorgen ihren Weinberg nach Feierabend und pendeln zur Arbeit bis nach Ludwigshafen.