Von Günter Metken

Ein Wiedersehen in Zeit und Raum. Während die Manet-Retrospektive im Grand Palais den urbansten und pariserischsten aller Maler des 19. Jahrhunderts feiert, einen Künstler, dem die geistige Brillanz und lässige Impertinenz des spätbürgerlichen Frankreich den Pinsel zu führen scheinen, lädt das "Centre du Marais" zu Claude Monet nach Giverny ein. Dort die Stadt, ihre Salons (und ihr "Salon"), die Boulevards, Theater, Treibhäuser, Parks und vorübergehend ins Freie transportierten gesellschaftlichen Freuden; hier das Land und die Natur, der Palette als Licht- und Farbereignis bis zum Verschwimmen des Sujets gefügig gemacht. Bei Manet die Psychologie, das Fürsichsein der Figuren, die in ihrem Habitus wie gefangen sind; bei Monet das völlige Verschwinden der Person aus dem Sucher. 1883 stirbt Manet, gerade 50 Jahre alt und doch schon ein Lebenswerk hinterlassend. Im gleichen Jahr zieht Monet, der den Sarg des bewunderten Älteren noch mitgetragen hat, nach Giverny, einem normannischen Bauernnest, um hier weitere 43 Jahre, zwei Drittel seiner Schaffenszeit, zu verbringen.

Damals waren die Schlachten des Impressionismus geschlagen. Monet hatte in vorderster Linie teilgenommen, wie Manet sommerliche Gesellschaften im Grünen porträtiert, die heitere Urbanität und das lichtflutende Spektakel Pariser Bahnhöfe und Parks gemalt und der Gruppe der Impressionisten mit seinem Bild "Impression – soleil levant" zum anfänglichen Schimpfnamen verholfen. Aus dem Schüler Boudins, dem Chronisten von Stränden und plastischen Wolkenhimmeln an der Kanalküste, war mehr und mehr ein aquatischer Maler geworden, ein Beobachter der Restaurants, Kahnpartien, Regatten, Brücken und Segel an der Seine als transitorischer Lebensform des Genießens und Ausspannens, der Selbstvergessenheit in Sonne und Wind.

Argenteuil, Poissy, Vétheuil heißen die Stationen stromabwärts zwischen Paris und Rouen mit ihren Buchten, Inselchen, Altwässern. Ein Leben aus der Hand in den Mund, flüchtig wie die Eindrücke, die oft vom Boot aus studiert werden. In Vetheuil stirbt seine Frau Camille, erst 32 Jahre alt. Alice Raingo, von ihrem Mann Ernest Hoschede, einem ruinierten Finanzier, getrennt lebend, zieht mit sechs Kindern zu dem Maler und seinen beiden Söhnen Jean und Michel. Die Enge, die Familiensorgen sind groß. Monet sehnt sich nach Stabilität. Vom Zug aus entdeckt er Giverny, an der Epte kurz vor ihrer Einmündung in die Seine gelegen. Der an einen Berg gelehnte Ort hat die Sonne im Rücken. Zum Wasser hin liegen Wiesen und Alleen im flirrenden Gegenlicht. Oben verläuft längs des Hügels der Hauptweg, in der Senke ein Sträßchen und die Lokalbahn nach Vernon. Hier kann Monet ein zwei Morgen großes Anwesen mieten: "Le Pressoir". Eine Remise wird zum Wohnatelier des Freilichtmalers. Dort hängen in drei Reihen übereinander eigene Werke und die Bilder der Mitstreiter, von Degas und Manet bis Renoir.

Diese selbst sieht er mit der Zeit weniger, schränkt auch seine Besuche in Paris ein. Dennoch lebt Monet nicht außer seiner Zeit, ergreift Partei für Dreyfus und betreibt den Ankauf von Manets "Olympia" durch den Louvre. Immer mehr aber fesselt ihn das Abenteuer Giverny. Zusammen bepflanzt man den Garten, der bisher nur aus Apfelbäumen und Immergrün bestand, "damit bei Regen Blumen zum Malen da sind", wie Monet nach dem Umzug an Durand-Ruel schreibt.

Im übrigen erforscht er die Umgebung, unternimmt Mali reisen ans Mittelmeer, die Kanal- und Atlantikküste, besucht Holland, später Norwegen und England. Jeder Aufenthalt zeitigt ein anderes künstlerisches Klima, in der Ausstellung kontrastreich isoliert: die tropisch bunt explodierenden Rivierabilder und die graugrünen Ansichten der Klippen von Etretat bei Sonne und Regen; Orte im Nebel versinkend und die Felsen von Belle-Ile oder ein Bogen des Flusses Creuse in ruckend vorrückenden Einstellungen gegeben, das Gesichtsfeld mit Farbe abriegelnd.

Mit wachsendem Ansehen steigen jetzt auch die Preise, denn Monet, der zunächst arm dran war, ist ein zäher Geschäftsmann. Alles Geld aber steckt er in sein Anwesen, das er 1890 erwerben kann. Fachmännisch beraten und von sechs Gärtnern unterstützt, baut Monet nun den Garten zum Dauermotiv aus, züchtet Farbwände, Farbwogen aus Blüten, die über dem Mittelgang buchstäblich zusammenschlagen. Unten dunkel und samten beginnend, in Augenhöhe aufflammend und darüber verblassend, zieht er koloristische Abläufe heran, die an sich schon Gemälde sind, so daß Bilder nach Bildern entstehen, reine Malerei, die sich am Relief des Farbauftrags nachfühlen läßt. Nun lassen sich mehrere Fassungen desselben Motivs aufeinander abstimmen, denn Monet arbeitet immer mehr in Serien. Themen wie die Mohnfelder, Heuhaufen, die Pappeln an der Epte nur in einer Beleuchtung zu malen, scheint ihm unrealistisch, da den Ruß der Zeit ausklammernd. Bei jedem Licht wollen sie gesehen sein, was wahre Akrobatik beim Nachtragen, Verrücken der Leinwände und unvermeidliche Wutanfälle und Depressionen angesichts des launischen Wetters der Normandie zur Folge hat.