Die letzten Wochen haben deutlich gemacht, daß am deutschen Aktienmarkt die stürmischen Hausse-Zeiten vorüber sind. Gleiches gilt für Wall Street, wo es in den vergangenen Tagen deutliche Rückschläge gegeben hat. In beiden Fällen sind daran die wieder anziehenden Zinsen schuld. Die amerikanische Notenbank hat erklärt, daß ihre Möglichkeiten, das Zinsniveau weiter zu senken, erschöpft seien. Die Deutsche Bundesbank sieht sich allein schon wegen der gegenüber dem Dollar schwachen Mark außerstande, einen Druck auf die Zinsen auszuüben.

Mit dem Wiederanstieg der Zinsen ist bei uns die Nachfrage nach Kapital gewachsen. Die öffentlichen Hände hatten sich mit der Mittelbeschaffung in der Erwartung zurückgehalten, im Laufe dieses Jahres irgendwann billiger zum Zuge kommen zu können. Die privaten Hypothekennehmer beeilen sich jetzt, ihre Darlehen längerfristig zu konsolidieren, wobei offenbar der Fünfjahresfrist der Vorrang vor noch längeren Bindungen gegeben wird.

Die Nachfrage nach festverzinslichen Papieren hat sich andererseits trotz der gestiegenen Renditen nicht beleben lassen. Kapitalmarktexperten meinen, daß sich dies erst ändern wird, wenn wieder echte Achtprozenter angeboten werden. Davon sind wir nicht mehr weit entfernt. Für die jüngste Anleihe des Landes Nordrhein-Westfalen mit ihrer Rendite von 7,79 Prozent besteht weder bei den Großanlegern noch bei der privaten Bankenkundschaft nennenswertes Interesse. Der Bund ist gezwungen, die Konditionen seiner Daueremmissionen (Bundesschatzbriefe, Bundesobligationen) ständig zu verbessern. Er läuft damit der Entwicklung aber nur hinterher.

Für die Aktienbesitzer stellt sich die Frage, wie lange steigende Zinsen einen weiteren Anstieg der Aktienkurse zulassen. Viele haben sie bereits negativ beantwortet und zumindest einen Teil der meist beträchtlichen Kursgewinne realisiert. Zahlreiche Aktien werden aus diesem Grunde jetzt deutlich unter ihren bisherigen Jahreshöchstkursen gehandelt. Wenn sich dies im Index abgemildert auswirkt, liegt, das an dem "Nachziehen einiger Spezialtitel, die erst jetzt von den Aktienanlegern entdeckt worden sind. Als Beispiele wären Kali-Chemie und Kali + Salz zu nennen. Kali-Chemie wegen der überraschenden Ertragsstärke der Gesellschaft, Kali + Salz auf Grund der Diskussionen über eine mögliche Bekämpfung des Waldsterbens durch gezielte Mineraldüngung.

Bisher waren die Aktien vor schwerwiegenden Kursrückgängen durch Kaufaufträge geschützt, die in erster Linie von den Versicherungen erteilt worden sind. Sie sind dabei, ihre Aktienportefeuilles zu verstärken, wollen aber nicht jeden Preis zahlen. Sie können sich auch Zeit lassen, weil aus dem Ausland die Nachfrage nach deutschen Aktien abgeflacht ist. Viele Banken raten ihrer Kundschaft, ähnlich zu verfahren wie die Großanleger und stärker rückläufige Kurse zum Kauf auszunutzen.

Empfohlen werden in erster Linie die Aktien solcher Unternehmen, bei denen es in diesem Jahr erkennbar aufwärtsgeht. Dazu gehört auch Bayer, eine Gesellschaft, die 1982 einen Gewinnrückgang weltweit um 88 Prozent zu verkraften hatte. Die ausgezeichneten Jahresabschlüsse von BMW und Daimler sorgten gleichfalls für Anlagereize.

K. W.