Das Aufatmen ist spürbar. Zu Pfingsten finden, traditionell, die Vertriebenen-Treffen statt, und mehr als einmal hatten in den vergangenen Jahren die regierenden Bonner Politiker hinterher einiges zu tun, um die östlichen Nachbarn zu beschwören, sie sollten beileibe nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, das auf diesen Versammlungen gesprochen wurde.

Danach sah es auch dieses Jahr aus, selbst wenn das große Treffen der Sudetendeutschen diesmal nach Wien einberufen war. Die vorübergehenden diplomatischen Spannungen zwischen Prag und Wien haben deutlich genug gezeigt, wie empfindlich der Resonanzboden nach wie vor ist. Aber nach allen Worten, die in der österreichischen Hauptstadt gesprochen worden sind, besteht Aussicht, daß sich die Wogen wieder glätten.

Dennoch war es alles andere als ein Zufall, daß Hans-Dietrich Genscher am Vorabend der Pfingsttreffen in einem Beitrag über das deutsch-polnische Verhältnis darauf hinwies, dieses Verhältnis führe "zu den moralischen Grundlagen unserer Politik". Genscher bekräftigte zugleich, in Erinnerung an manche der jüngsten Äußerungen zumal aus Unionsmund, daß beide Staaten "gegeneinander keinerlei Gebietsansprüche haben und solche auch in Zukunft nicht erheben werden".

Die Pfingsttreffen, meinte der Außenminister und FDP-Vorsitzende, würden wiederum Demonstrationen der Aussöhnung und des Friedens sein. So ist es, im großen und ganzen, auch geschehen. Aber auch Genschers vorbeugende Beschwörung zeigt, wie ungemein sensibel die Verhältnisse noch immer sind.

Ganz zufrieden mit sich selbst ist der Bundestag in der letzten Woche in die Pfingsttage gegangen – hatte er doch über zwei sehr aktuelle Themen debattiert: über den Jugendprotest im demokratischen Staat", der von einer Enquete-Kommission gründlich untersucht worden war, und über das Waldsterben.

Freilich ist das Wort "aktuell" gerade in diesem Zusammenhang relativ. Warum dauert es meistens so lange, bis solche Themen auch im Bundestag zur Sprache kommen, nachdem die Öffentlichkeit von ihnen schon seit Jahr und Tag redet? Gewiß, im ersten Fall mußte manches zur Verspätung führen: Die Enquete-Kommission brauchte ihre Zeit, und dann kamen der Regierungswechsel und die Neuwahlen dazwischen.

Aber es gibt viele andere Beispiele dafür, daß das Parlament endlos hinterherhinkte. Dabei besitzt es durchaus einige Instrumente, um sich rasch zum Forum dessen zu machen, was die Nation bewegt: vor allem die "Aktuelle Stunde", auch die Fragestunde, und ohnehin ist der Bundestag in der Wahl seiner Gegenstände ja frei. Wenn jedoch schon ungezählte Male woanders besprochen worden ist, was auf der politischen Tagesordnung steht, auf welche Erkenntnisse, Achtung und Aufmerksamkeit kann dann das Parlament noch rechnen?