Von Susanne Mayer

Selbst Lob trifft einen Übersetzer manchmal hart. "In seiner charakterlosen Kunstfertigkeit kann er sich dem fremden Geist ganz liebevoll und treu anschmiegen" – solch Vorurteil war schon von Heine sehr vernichtend. Kleingedruckt stehen Übersetzer auch heute im Schatten der Autoren, immer etwas abseits im großen Literaturbetrieb. Zumindest geographisch gesehen kann sich das jetzt ändern.

Seit drei Jahren residiert das "Europäische Übersetzerkollegium e. V." in Straelen am Niederrhein, in der Mühlenstraße, die, wie fast alle Wege auf dem Stadtplan, zum gepflasterten Marktplatz führt – einer Art Mittelpunkt Europas, wie Elmar Tophoven das sieht. Er ist Präsident des Vereins, Beckett-Übersetzer und, vor allem, ein Straelener. Es war seine Idee, in dem "Gebiet, das auf halber Strecke der europäischen Autobahn E 3 liegt, die Helsinki und Lissabon verbindet", deutschsprachige Übersetzer in einem Arbeits- und Kommunikationszentrum zusammenzubringen.

Wer "sich durch Verleger, Redakteure oder lärmende Familienangehörige in Gefahr für Leib, Leben, Gesundheit oder Nerven befindet", kann nach der Ordnung des roten Backsteinhauses einen Asylantrag stellen und sich um eines der sechs kostenlosen Zimmer bewerben. Dort findet er Bett und Schreibtisch und Bücher rundherum. Da gibt es ein Theologiezimmer, selbstverständlich ganz oben im Haus. Neben dem Kopfkissen steht hier "Die Heilige Schrift", Übersetzung Martin Luther, und "The Holy Bibel", King James Version. Daneben "Szent Biblia" aus Budapest, aus Warschau eine "Pismo Swieta" und aus Moskau ein noch dickerer Band mit jenen Schriftzeichen, die für mich immer spiegelverkehrt aussehen.

Wem das nicht reicht, der muß zwei Treppen hinuntersteigen zu den Enzyklopädien des weltlichen Wissens. Die Grimmschen Wörterbücher stehen hier und die grauen Dudenbände, "Queri’s Kraftbairisch", "Meyers" und der "Brockhaus" gleich mehrmals, letzterer auch in einem Raubdruck von 1830, getarnt als "Rheinisches Conversationslexikon für gebildete Stände". 18 000 Bände hat die Bibliothek, und sie wächst – mit der Zahl der Gäste.

Drei Taschentücher hat Brygida Jadkowska gerade ins Regal geordnet – ihre polnischen Übersetzungen von Bernt Engelmann. Viele Bücher des Übersetzerkollegiums sind mit Dankesworten ihrer Lieferanten ausgestattet, die hier nicht nur eine Spezialbibliothek suchen, sondern auch sich gegenseitig. Denn die "Übersetzer-Heimarbeiter", wie Elmar Tophoven sie nennt, leben zwar vom Kulturaustausch, aber nur mühsam gelingt er ihnen untereinander.

Frau Jadkowska wollte nur einmal reinschauen, aber als sie abfährt, sind drei Wochen daraus geworden. Lange Spaziergänge machte die alte Dame im flachen Land, lange Stunden verschwand sie in ihrem Zimmer, und dann erschien sie am Kaffeetisch und erzählte mir von Polen. "In Polen", sagte sie, "ist es jetzt schwierig, aber niemand muß hungern. Und uns Künstlern geht es dort oft besser als meinen Freunden hier im Westen." Dazu gehört allerdings nicht viel. Ein deutscher Übersetzer muß; um einigermaßen davon leben zu körinen, an 365 Tagen im Jahr fünf Seiten druckfertig produzieren, an Krankheitsgeld ist nicht zu denken, an Urlaubs- oder gar Weihnachtsgeld erst recht nicht. Von Arbeitsüberlastung oder, noch schlimmer, von gar keiner Arbeit, hört man am Kaffeetisch im Übersetzerkollegium viel.