Die Brüder Eduard und Karl Wedekind studierten im Sommersemester 1824 in Göttingen. Eduard (nicht Karl, wie in Nummer 21 versehentlich stand) führte über diese Zeit ein Tagebuch, das 1927 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Wir drucken Auszüge daraus nach.

Vor ihrer Rückkehr zum Semesterbeginn nach Göttingen machen die Brüder Station in Kassel, wo die gefeierte Schauspielerin Auguste Stich ein Gastspiel gibt.

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Sonntag, 11. April 1824. Heute morgen wollten wir nun eigentlich abreisen, aber Karl, der Hoffnung hatte, Madame Stich vorgestellt zu werden, falls nicht Herr Stich gestern abend zu knüll war, sah ich es an der Nase an, wie gern er heute noch bliebe. Ich tat ihm den Gefallen, und so wurden aus einem Tage drei, und die Tour kostete statt eines Louisdors drei.

Morgens ging ich zur Parade. Der Kurfürst war auch da. Hätte ihm jemand etwas anhaben wollen, so hätte er es hier ganz bequem gehabt. Wozu denn die vielen Posten und Patrouillen? Das hessische Militär exerziert übrigens recht gut und hat treffliche Musik.

Mittags gingen wir wieder zum "König von Preußen". Als Herr und Madame Stich hereinkamen, bemerkte er Karl noch nicht. Über Tisch aber nickte er ihm zu und sagte zu seiner Frau: "Das ist er!" Nach einiger Zeit kam Herr Stich zu Karl und fragte, ob er ihm seine Adresse aufgeschrieben habe; Karl gab sie ihm. Dies war aber auch alles; Madame Stich wurde er nicht vorgestellt.

Nach Tisch ließen wir wieder unseren Wagen kommen, fuhren nach Wilhelmshöhe, tranken dort Kaffee, besahen den neuen Wasserfall, der hier gebaut wird, und fuhren dann zurück ins Theater, wo Spohrs "Jessonda" gegeben wurde. Die Oper ist von den neueren gewiß eine der schönsten, aber nicht so durchaus originell wie z. B. der "Freischütz". Es ist vieles darin, was man schon ähnlich gehört hat, wie denn alle großen Opern etwas Ähnlichkeit miteinander haben, besonders in den Rezitativen. Mehrere Arien darin, besonders zwei Duette, sind aber wahrhaft wundervoll. Die Aufführung war sehr gut.