Luther, Friedrich II. und der DDR-Alltag

Von Marlies Menge

Wenn der Alte Fritz in Potsdam auftritt, dann wird er von jedem wie ein guter alter Bekannter begrüßt. Der Mann mit dem Parteiabzeichen der SED neben mir freut sich ebenso wie die anderen rund 600 Zuschauer, wenn der preußische König das erste Mal auf der Bühne erscheint. Seit Februar läuft im Potsdamer Hans-Otto-Theater das Stück "Die Preußen kommen". Die Vorstellungen sind ständig ausverkauft, bis zum Herbst sind alle Karten vorbestellt. In keiner anderen Stadt der DDR hätte DDR-Autor Claus Hammel mit seinem Thema so viel Aussicht auf Erfolg gehabt wie in Potsdam, der ehemaligen Residenzstadt von Friedrich II.

Vorgeführt wird im Stück die "Prüfungsanstalt für die Reintegration historischer Persönlichkeiten der DDR". Reintegriert werden Luther und Friedrich II., angereichert ist das Ganze mit harmlosen Späßen zum heutigen DDR-Alltag. Besondere Aktualität hat das in Rostock uraufgeführte Stück durch die diesjährige Luther-Ehrung. Laut Textbuch memoriert Luther offizielle staatliche Verlautbarungen zu seiner Person. Die Potsdamer wollten dann den Vorsitzenden des Staatlichen Luther-Komitees, Erich Honecker, selbst reden lassen, aus einem dem Publikum die Rückfront zukehrenden Fernseher. Das Tonband von Honeckers Rede zur Konstituierung des Luther-Komitees durfte jedoch nicht benutzt werden. Kleinmütige Funktionäre hatten wohl Angst vor der Wirkung der Originalstimme ihres Herrn in einer Komödie. Der Fernseher blieb, Honeckers Worte sprach ein Schauspieler.

Die liebevolle Inanspruchnahme des Christen Luther für die glorreiche Geschichte des Sozialistischen Staates DDR ist für die Bevölkerung Amüsement genug. Dem Rummel um Luther widmete das Ostberliner Kabarett "Die Distel" ein ganzes Programm: "Wir verluthern". In Hammels Stück überlegt Luther, ob er verlangen könne, daß man ihn wieder vor der Ost-Berliner Marienkirche aufstellt. "Wie du hier angeschrieben bist", spöttelt der Alte Fritz, "machen sie das von selbst."

Wohl vor allem des Alten Fritzen wegen strömen die Potsdamer ins Theater. Regisseur Eckhard Becker brauchte "Die" Preußen kommen" nur ein bißchen zu "potsdamisieren". "Wissen Sie, wo Sie hier sind?" wird zum Beispiel Friedrich im Hans-Otto-Theater gefragt. "Das war hier früher mal ’ne Kneipe, und das war der Tanzsaal, und das Ganze hieß ‚Zum Alten Fritz‘. Später wurde dann ein Theater draus." Ältere Potsdamer erinnern sich vielleicht noch an die Kneipe, die nach dem preußischen König hieß. Das war noch vor DDR-Zeiten. Die Wiederentdeckung Friedrich II. für die Historie der DDR ist sehr viel jünger und wurde vor allem durch die Friedrich-Biographie der Historikerin Ingrid Mittenzwei eingeleitet. Es folgte die Aufstellung Friedrich des Großen zu Pferde an seinem alten Platz Unter den Linden.

Die Potsdamer bekannten sich allerdings schon früher zu ihrer preußischen Geschichte. So ziert seit langem ein Langer Kerl, wie der Vater Friedrichs des Großen sie liebte, die Etiketten des Potsdamer Pilsner Spezial, das neuerdings Rex-Pils heißt. Das Bier-Etikett mit dem uniformierten Langen Kerl schmückt das Programmheft des Hans-Otto-Theaters, für die Innenseiten wurde der Schauspieler Klaus Schoenbeck, der Friedrich II. spielt, am Denkmal des Alten Fritz Unter den Linden photographiert, während der Wachablösung vor der Alten Wache und vorm Brandenburger Tor. Und natürlich in Potsdam: vor der Nicolaikirche und im Schloß Sanssouci, seinem Schloß.