Es ist nicht einmal kühn zu behaupten, Platon sei der bedeutendste Philosoph des Abendlandes, und es ist fast beweisbar, daß seine "Politeia" genügte, ihn dazu zu machen, auch wenn die übrigen 27 uns erhaltenen Dialoge verlorengegangen wären.

Schwieriger ist es, heutige Menschen davon zu überzeugen, daß es sich lohnt, dieses Buch tatsächlich, ganz und gründlich zu lesen: einen in dem idyllischen Stadtstaat Athen vor zweieinhalbtausend Jahren recht sophistisch geführten Disput zwischen Sokrates und einigen meist jungen Leuten über ein ideales und utopisches Gemeinwesen – durchsetzt von erkenntnistheoretischen Analysen und Analogien, von Mathematik und Mythos, von einer Erziehungslehre und der Darstellung des längst eingetretenen, weit fortgeschrittenen Verfalls der polis von der gedachten besten Herrschaft durch die dafür Geeigneten über die Timokratie, die Oligarchie, die Demokratie zur Tyrannis.

Die Schwierigkeit entspringt (dies ist selbst schon eine sokratisch-platonische Denkfigur) zu einem großen Teil dem Wissen, daß wir von dem Buch zu haben meinen. Platon selber überwindet sie mühelos, wenn wir ihm nur eine Chance geben und zu lesen anfangen – und uns durch die Verschrobenheit noch jeder deutschen Übersetzung nicht irritieren lassen.

"Gestern ging ich hinab zum Piräus..."‚ so beginnt des Sokrates’ Bericht über ein Gespräch, das er dort im Hause des alten Kephalos geführt hat. "Was ist der größte Gewinn, den du aus deinem Reichtum ziehst?" hat er ihn gefragt, und Kephalos hat geantwortet: daß er ihm erlaube, in dem Bewußtsein zu sterben, hier niemandem – weder Göttern noch Menschen – etwas schuldig geblieben zu sein. "Wäre das dikaiosyne – Gerechtigkeit?" Nun, jedenfalls behaupte dies der Dichter Simonides, sagt der Alte und zieht sich zurück.

Mit den Jungen fängt das Gespräch – das sich an einem Alltagsproblem entsponnen hat – hier freilich erst an, um bei den Grundfragen der Menschen zu münden: der Frage nach dem guten Leben, nach der sinnvoll geordneten Gesellschaft, nach der sicheren und gemeinsamen Erkenntnis, und ist eine einzige fortschreitende Prüfung der Gründe für Behauptungen, wie Kephalos, die Dichter und wir sie machen.

Sokrates und seine Freunde gehen nach einem dramatischen Streitgespräch mit dem Realisten Thrasymachos (er vertritt die These: Gerechtigkeit ist, was dem Stärkeren nützt) ein Gedankenexperiment ein: Sie konstruieren – als Erkenntnismodell für die richtige Ordnung – ein Gemeinwesen aus seinen (logischen, nicht geschichtlichen) Bedingungen und halten dabei stets die Prämissen fest. Dazu gehört z. B. die Annahme, die polis bilde sich auf Grund der Ungleichheit der Menschen und der also für sie gemeinsam vorteilhaften Arbeitsteilung. Ein Landwirt, ein Häuserbauer, ein Kleidermacher, ein Schuster täten jeder "das Seine", das, wofür er geeignet ist, und woran er Freude hat. Um die Güter auszutauschen, werden Handel und Verkehr nötig; diese müssen geregelt werden – durch einen Markt, eine Geldwährung, Polizei, Gerichte, Anwälte; man exportiert, um importieren zu können, und umgekehrt; man baut einen Hafen und eine Flotte; und am Ende braucht man eine Streitmacht, die dies alles gegen andere schützt. Die "Wächter", so nennt sie Sokrates, werden aber, gerade wenn sie ihr Amt gut versehen und niemand die polis anzugreifen wagt, untätig und ständig versucht sein, ihre Spezialisierung, das Kämpfenkönnen, an den eigenen reich gewordenen Bürgern auszulassen. Damit die Wächter dies nicht tun, brauchen sie eine weitere Eigenschaft: sie müssen zwischen Freund und Feind, Wohl und Übel, dem Nutzen der polis und dem Nutzen des einzelnen unterscheiden können. Kurz, sie müssen "philosophisch" sein.

Das Problem der gerechten Ordnung hat sich als ein Problem des richtigen Umgangs mit Ungleichheit und Macht enthüllt. Zugleich hat Platon unsere modernen Lösungen in Zweifel gezogen: die Gesamtschule für das eine und checks and balances für das andere; wir versuchen, Unterschiede auszugleichen – er pflegt sie; und wir setzen der einen Macht eine andere Macht entgegen – er versucht, sie gut zu machen. Dabei sind auch wir auf Macht, z. B. für die Durchsetzung der Freiheit oder der Gerechtigkeit, angewiesen, institutionalisierte Macht, also Herrschaft, muß bei uns immer zugleich das Gut verwirklichen und schützen, das ihr anvertraut ist, und Gegenmacht abwehren, die wir aus Mißtrauen selber mobilisieren.