Gibt es gute Herrschaft? Ja, sagt Platon, wenn wir die Gerechtigkeit/richtige Ordnung im Geist der Menschen verankern.

Ein großer Teil des Buches befaßt sich darum mit der Erziehung der Wächter. Sie sollen "die Überzeugung bewahren, daß ihre Tätigkeit dem Wohl der ganzen polis zu dienen hat". Das klingt nicht nur, das ist erzkonservativ und unterwirft wenigstens die Bestimmung dieser Individuen ganz der Bestimmung des Gemeinwesens. Aber das war ja die Prämisse: Wächter sind Bürger, die für dieses Amt taugen, weil sie neben ihrer Wachsamkeit und ihrem Mut eine philosophische Natur haben. Zu entfalten ist da nichts, vielmehr ihre Eignung zu schützen. Diese besteht u. a. darin, daß sie nicht an Herrschaft interessiert sind, nicht einmal an Ruhm und Ehre. "Zwingen muß man sie geradezu und ihnen Strafe androhen", damit sie ihr Amt übernehmen. "Die größte Strafe aber ist, vom Schlechteren beherrscht zu werden." Darum werden alle Umstände so eingerichtet, daß die Wächter ihrem Auftrag – das Wohl des Gemeinwesens zu bedenken – nicht untreu werden. Es ist ihnen also versagt, Eigentum zu besitzen; sie führen keine Ehe; sie dürfen ihre Kinder nicht kennen; die Dichtungen, mit denen sie aufwachsen, werden gereinigt, nicht nur, weil sie Unwürdiges über Götter und Helden erzählen und die Leidenschaften steigern, sondern weil sie Abbilder vorstellen, während die Wächter nach den Urbildern streben sollen; verweichlichende oder entfesselte Musik wird verbannt – die Schnulze und der Rock, aber wohl auch Schubert und Wagner; ja, außer diesen Gesetzen, die ihre Erziehung regeln, gibt es keine, denn nichts korrumpiert die Suche nach Wahrheit so sehr wie die Gewißheit, die man schon besitzt – und welche Anweisung wäre gewisser als ein Gesetz?!

Kann Platon, ein begnadeter Dichter, der in jedem seiner Dialoge lebendiges Leben abbildet, und uns durch die Menschlichkeit seiner Gestalten bezaubert, kann Sokrates eine solche Welt gewollt haben, in der für ihn gewiß kein Platz gewesen wäre und die erfolgreich mit "1984" konkurriert? – Die Frage verfehlt die Sache doppelt: Erstens ist hier nicht die Platonische Gesellschaft geschildert worden, sondern die Lebensform der Wächter; wie die anderen Bürger leben und erzogen werden, davon ist nicht die Rede – sie gehen "ihrer Sache" nach. Sodann erinnert Sokrates mehrfach daran, daß dies ein zur Veranschaulichung erdachter Staat sei, den es irgendwo "im Himmel" geben mag, aber nicht auf dieser Erde. Wirklich könne er nur werden, wenn die Philosophen Herrscher oder die Herrscher Philosophen würden. So steht es genau in der Mitte des gesamten Werkes.

Sokrates weiß, wie weit das von aller Realität entfernt ist, und duckt sich dreimal vor der Welle des erwarteten Hohngelächters. Aber eben das ist Platons Pointe: So weit müßt ihr gehen, so hoch ist der Preis, den ihr zu zahlen bereit sein müßt, wenn ihr es mit der Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl ernst meint. Sie kommen nicht durch eine einmal gegebene Grundordnung, durch Mehrheitsbeschlüsse, durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage, durch eine invisible band (Adam Smith) zustande. Wer daran glaubt, täuscht sich über die Wahrheit der Macht.

Ihr wäre nur die Macht der Wahrheit gewachsen. Dieser ist der dritte Teil des Werkes gewidmet (der vierte dem Verfall der polis). Wie gewinnen wir verläßliche Erkenntnis? Diese gibt es nur von Bleibendem, z. B. von der Geradheit, die den einzelnen geraden Dingen das Geradesein verleiht. Die Erörterung, die Sokrates mit seinen Freunden (und Platon also mit uns, den Lesern) führt, vollzieht sich auf der dritten von vier Stufen, der Stufe der dialektischen oder kritischen Denkarbeit. Die unterste ist die der bloßen Meinungen, die nächste wäre eine Art empirischer Sachbestandsaufnähme. Worin besteht die vierte, letzte Stufe? Sie ist die Konsequenz des zuerst aufgestellten Satzes: Erkenntnis ist stets Erkenntnis von etwas – von etwas, was ist. Platon hat für die vier Stufen des Erkennens immer neue Gleichnisse gegeben – in der "Politeia" allein vier. Ich will mich eines aus dem Zehnten Buch bedienen:

Die unvollkommene Erkenntnis von einem Zügel hat ein Maler, der nur an der Wirkung seiner Wiedergabe, an einer äußeren Ähnlichkeit, interessiert ist; bessere Erkenntnis hat schon der Sattler, der den Zügel herstellt, aber auch er kann einen untauglichen Zügel für gut halten, bloß weil er solide gearbeitet ist; das entscheidende Wissen hat der Reiter – von der Funktion des Zügels, von einem Ding, das die beste Beziehung zwischen ihm und dem Pferd herstellt; ein solches Wissen aber kann er nur haben, wenn es die beste Relation zwischen Pferd und Reiter tatsächlich gibt. Auf der letzten Stufe geht es um diese Gewißheit – eine Gewißheit über eine Beschaffenheit des Seins oder über "die Bedingung der Möglichkeit solcher Erkenntnis".

Es besteht eine große Gefahr für die Philosophen, wenn sie sich einmal unter anfänglich großen Schmerzen von den "Schatten in der Höhle", in der wir alle sitzen, losgerissen und ans Licht der eide (der Denkformen) und der Sonne (der Erkennbarkeit selbst) herausgearbeitet haben, daß sie dann nicht mehr zu den Täuschungen der übrigen Menschen zurückkehren wollen. Darum müssen sie denn in Platons Gleichnis wieder "hinab in die Höhle", wo die anderen, die die Welt ihrer Wahrnehmungen nie verlassen haben, sie nicht verstehen, sie verlachen und möglicherweise töten werden. Sokrates’ Tod kommt in den Sinn und der Anfangssatz dieses Werks: "Gestern ging ich hinab zum Kraus..."