Von Petra Kipphoff

Wenn er die Motive, die er gemalt hat, komplettiert hätte, dann wären die Bilder nicht 1,30 x 1,60 m, sondern vielleicht 20 x 30 m groß geworden. Aber Domenico Gnoli hat nicht den ganzen Anzug, sondern nur den Knopf’mit Knopfloch, nicht die ganze Frau, sondern nur die Büste, nicht den ganzen Kopf, sondern nur eine Korkenzieherlocke gemalt – diese dann freilich minuziös und genießerisch. Dadurch, daß diese Dinge unter der Lupe präsentiert, aus ihrem Kontext herausgeholt werden, sind sie näher und ferner, prosaischer und unheimlicher zugleich.

Domenico Gnoli, der Römer, der 1970 im Alter von nur 37 Jahren in New York starb, hat, bedenkt man die kurze Schaffenszeit des vorwiegend als Bühnenbildmaler Tätigen, ein Œuvre hinterlassen, das intensiv und umfangreich genug ist, um in ihm einen bedeutenden Maler des magischen Realismus und einen legitimen Nachfahren der italienischen "Pittura metafisica" zu erkennen. Nur wenige große Museen können stolz darauf sein, eine Arbeit von Gnoli zu besitzen. Und stolz ist Thomas Levy, dem es jetzt gelungen ist, eine mit rund 80 Bildern, Skulpturen, Zeichnungen und Graphiken repräsentative Übersicht über Gnolis Werk zusammenbekommen zu haben.

Die Hamburger Ausstellung zeigt ausführlich das wenig bekannte Frühwerk, den Gnoli vor Gnoli, der in den fünfziger Jahren während längerer Aufenthalte in Paris Anregungen von den Surrealisten bekam, auch Friedrich Hundertwasser kennenlernte. In diesen frühen Bildern ist Gnoli noch ganz der Ästhetik des Informel verfallen, einer zelebrierten "Formlosigkeit", die mit spielerisch archaisierenden Mustern auch auf Paul Klee zurückgreift, sich den Einfall, auch die rauhesten Malmaterialien lustvoll vorzuzeigen (fast alle diese frühen Bilder sind aus Tempera und Sand), bei Tàpies und Dubuffet holt. Um 1960 herum tauchen die Gegenstände auf: Tische und Stühle zunächst, die aber betont grob und ruppig gemalt sind, der Eindruck von Primitivität wird noch verstärkt durch den Verzicht auf perspektivische Genauigkeit.

Ab 1964 dann wird auf den Bildern von Gnoli, der seit 1958 auch einen Wohnsitz in New York hat, die Physik und die Metaphysik der Dinge sichtbar. Dabei ist, wiederum, die Reaktion auf die neue künstlerische Umgebung unverkennbar. Ohne den in der Pop Art demonstrierten Mut zu Banalität, Härte und Witz (ohne den auch der folgende Neue Realismus nicht möglich gewesen wäre) hätte Gnoli wohl kaum jenen Standpunkt gefunden, den er in einer der wenigen Selbstaussagen, die es von ihm gibt, so formulierte: "Für mich ist der alltägliche Gegenstand selbst, vergrößert durch die ihm beschenkte Aufmerksamkeit, wichtiger, schöner und schrecklicher als jede Phantasie ihn machen könnte! Er sagt mir mehr über mich als irgend etwas anderes, erfüllt mich mit Furcht, Ekel und Entzücken. Dies eine Objekt vor mir, allein vor mir, der ich allein bin, genau mir gegenüber... was bleibt da noch zu fragen. Für mich – und das ist sicher – nichts mehr."

Gnoli, der in den Bildern der sechziger Jahre zu einer ganz eigenen, unverkennbaren Bildersprache und Malkultur gefunden hat, stellt die Dinge als pars pro toto dar, rückt einen Ausschnitt unter das Vergrößerungsglas und füllt die ganze Leinwand unerbittlich mit den penibel gemalten Strukturen und Mustern. Das ist ein Teil seiner Methode, die Magie der Gegenwart des Gegenstands erfahrbar zu machen, dabei gleichzeitig durch den immer noch gelegentlich beigemischten Sand eine spröde, distanzschaffende Materialität zu behalten. Das alles in müdem Braun, Grün, Rosa.

Dieser Eindruck des bei aller Vertrautheit Unheimlichen, Spröden ist aber auch schon durch die Wahl der Motive gegeben. Es sind die alltäglichen Dinge, die Gnoli malt, allerdings meist mit einer Betonung ihrer kleinbürgerlichen Möglichkeiten: Handschuh, Tisch, Krawatte, Sessel, Zopf, Kragen, Schuh, Reißverschluß, Tischdecke. Zum Detail verkleinert und vergrößert, verselbständigt sich das Webmuster des Anzugs, das Blümchendessin der Decke, der Schwung der Locke und wuchert aus in eine fremde, gelegentlich bedrohlich wirkende Existenz. Derselbe Vorgang bei einem an sich schon exotischen Gegenstand (einer Orchidee, einer Schlange, einem Prunkgewand) würde wahrscheinlich keinen, das heißt einen nur nivellierenden Effekt haben (nicht das Muster der Schlangenhaut wirkt erschreckend, sondern das ganze Tier). Und ebenso, wie er bei den einfachen Dingen geblieben ist, hat Gnoli, im Unterschied etwa zu de Chirico oder Magritte, auch auf verblüffende Arrangements verzichtet: Kein Gummihandschuh ist neben einen antiken Kopf genagelt, keine Brote schweben durch die Luft.