Von Ernst Weisenfeld

Man täusche sich nicht: Was da wie eine billige Hülle aus braunem Plastik aussieht, passend, um Führerschein, Autopapiere und Scheckkarte aufzubewahren, kann gut und gern hundert Mark gekostet haben. Denn die Hülle ist eine besondere Hülle, Warum? Sie hat ein stilisiertes Blumenmuster mit den in sich verschränkten Initialen L. V. aufgedruckt. Die beiden Buchstaben stehen für Louis Vuitton – Markenzeichen eines Hauses in Paris, das hauptsächlich Gepäckstücke verkauft, Koffer und Taschen, aber auch Portemonnaies und Brillenetuis, alles sehr teuer. Die kleine braune Hülle für hundert Mark gehört zu den billigsten Angeboten der traditionsreichen Kofferfirma. Ob unter hundert Mark oder über tausend, ein Stück von Louis Vuitton gehört zu den Statussymbolen dieser Welt.

In den Katalogen, die noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammen, bietet das Haus Louis Vuitton Gepäckstücke an, die nur in Einzelausführung zu haben waren: drei Schiffskoffer und ein großer runder Beutel (für die Räder), die eine zusammengelegte Kalesche enthielten. Die Comtesse de Clermont-Tonnerre war 1910 nach Persien eingeladen worden und stand vor der Frage, wie sie sich dort standesgemäß bewegen sollte. Georges Louis Vuitton, der Sohn des Firmengründers, wußte die Lösung. Jenes Modell fand Anklang in den führenden Kreisen Europas.

Schon Louis Vuitton sah, als er 1854 sein erstes Geschäft in Paris eröffnete, Reisesorgen der gehobenen Schichten voraus. Der junge Louis war als Kofferpacker aus dem Jura an die Seine gekommen, um den feinen Damen und Herren die Krinolinen, die Schuhe, die Hüte und die Jagdgewehre zu verpacken, wenn sie auf Reisen gingen. Nachdem er die ersten Koffermodelle entworfen hatte, reüssierte er dermaßen, daß er 1860 sich ein eigenes Atelier im Arbeitervorort Asnières bauen ließ. (Das damals angebaute einfache Privathaus dient noch heute einem Familienmitglied als Wohnung.) Wenige Jahre später eröffnete Louis Vuitton ein elegantes Geschäft in London und wurde zum Hoflieferanten der europäischen Fürstlichkeiten. Selbst die Könige aus dem Morgenland fanden, lange bevor man Öl unter ihrem Wüstensand entdeckte, den Weg zu Louis Vuitton.

Inzwischen teilt sich die vierte und fünfte Vuitton-Generation die geschäftliche und technische Leitung des Unternehmens, mit dem Frankreichs sozialistischer Wirtschaftsminister Delors sehr zufrieden sein kann: Es bringt Devisen. Der Jahresumsatz von rund 220 Millionen Mark beruht hauptsächlich auf Exporten. Ein Drittel der Ledersachen geht in die USA, ein weiteres Drittel in den Nahen und Fernen Osten, der Rest bleibt in Europa. Von den rund 40 Vuitton-Geschäften in aller Welt gibt es neun in den USA, zwölf in Japan, aber nur zwei in Frankreich, in Nizza und Paris. Und in den weitläufigen Verkaufsräumen nahe beim Triumphbogen findet man immer auch Japaner und viele Amerikaner. Hier kann der Käufer auch einen Maler bitten, der den neuen Koffer sofort kostenlos mit den eigenen Initialen, einem kleinen Krönchen oder einem sonstigen Familiensymbol schmückt.

Wo immer in den letzten Jahren neue Vuitton-Geschäfte eingerichtet wurden, tauchte regelmäßig Henry Vuitton auf, der Familienälteste und Vorsitzende des (Familien-)Aufsichtsrats. Über die Produktion auf dem alten Fabrikgelände in Asnieres wachte jahrelang Henrys Bruder Claude, bis er den Platz räumte und seinen Sohn Patrick, 32 Jahre alt, einsetzte. Beide haben das Koffermachen "von der Pike auf" gelernt. Claude rühmt sich, er könne noch heute sofort in jeden Arbeitsgang eingreifen. Patrick meint, er wäre Heber Tierarzt geworden, und gibt zu verstehen, daß das Leben eines Vuitton aber nun einmal den Koffern gehört.