Hörenswert

Sergej Prokofieff: "Frühe Klavierwerke". Daß da plötzlich ein Interpretentalent auftaucht, aus irgendeiner Ecke dieser Welt, die man für gewöhnlich nicht mit der high-end-Musikkultur in Verbindung bringt, und daß uns diese Auftritte geziemend überraschen, läßt unter anderem auf eine hübsche Rest-Portion chauvinistischen Kultur-Kolonialismus schließen. Daß aber Beirut auch einmal eine mächtige Dependance französischen Musik-, Theater- und Geisteslebens war, ist so lange ja noch nicht her, und der 1958 dort geborene Abdel Rahman El Bacha hat denn auch in diesem Einfluß sein Klavierspiel begonnen, war später, sechzehnjährig, am Pariser Conservatoire, gewann in Brüssel den Reine-Elizabeth-Wettbewerb. Prokofieffs Sonate op. 1, die Etüden op. 2 und die Klavierstücke op. 4 – da tritt jemand mit dem Anspruch auf, im pianistischen Sturmschritt das Publikum zu gewinnen. Abdel Rahman kann diesen Anspruch wiederholen, geht diese Aufbruch-Musiken sehr viril an, läßt den Empfindungen Raum, macht das Klavier zu einer großen orchestralen Maschine und treibt sich selber stets zu grandiosen brillanten Klanggesten. Allenfalls ein bißchen viel Plattenrauschen und in den dynamischen Spitzen ein relativ starkes Klirren stören einen vollen Genuß – wir sind gerade in jüngster Zeit außerordentlich empfindlich für höchste Aufnahme- und Preßqualität geworden.

(Capriccio CA 18 6021, Delta Music, 5020 Königsdorf)

Heinz Josef Herbort

Tanzenswert

Lilienthal: "Tanzteufel". Zu alter Musik läßt sich leicht zitieren, zum Beispiel aus einer Schrift von 1545: "Ja, tantzen ist eigentlich ein vbung, nit vom Himmel kommen, sondern von dem leidigen teuffei." Und in einem Traktat über die Heimlichkeiten der Frauenzimmer liest man im Beiblatt: "Beym Knaben hat der Tantz wirklich nur selten als Tantz Reiz, sondern mehr als Gesellung zu jenem Geschlecht", wohingegen bei Mädchen "die Wallung und die geheimen Gefühle" erklären, "warum die Bewegung zur Leidenschaft wird": etwas, das das Lilienthal-Quartett gerade zu provozieren hofft – nicht zuletzt in seiner Generation, welche die Tanzschule mied, den Volkstanz belächelte, in der Diskothek Schwierigkeiten mit dem Anbandeln hatte. Und nun spielen sie alte Volkstänze, denn die "gehen in die Beine, rocken und swingen", und wenn man sie richtig tanzen lernte, wären sie "auf jeden Fall sehr kommunikativ". Die vier haben dafür moderat moderne Arrangements gefunden und spielen, unterstützt von etlichen Musikerfreunden, mit artigem Temperament auf: Walzer, Polka und Rheinländer, Mazurka, Allemande, Schreit- und Kontertänze und eine Hopsanglaise. (Folk Freak/Deutsche Austrophon FF 1010).

Manfred Sack