Juristenschwemme, Ärzteschemme – die Standesorganisationen wollen ihre Berufe abschotten

Von "Berufsaussichten junger Juristen" ist die schönfärberische Rede, wenn die Standesorganisationen der etablierten Rechtsanwälte über die Anwaltsschwemme jammern. Zweiundvierzigtausend Anwälte gibt es inzwischen, so viele wie noch nie, und es werden immer mehr.

Selbstverständlich haben die soignierten Herren keine Angst vor; der Konkurrenz des Winkeladvokatenproletariats, das sie da überschwemmt; es geht vielmehr um "die Qualität der Anwaltschaft". Bei solcher Schwemme müssen einfach zu viele Rechtsverdreher dabeisein, und so ist mal wieder das Ansehen des ganzen würdigen Standes in Gefahr, "Wenn auf Grund Konkurrenzdrucks oder gar Existenzangst schlechte Arbeit geleistet wird und eine Verwilderung der Sitten um sich greift", so, ohne Widerspruch, Präsident Rabe auf dem Anwaltstag in Essen.

Noch melodramatischer greifen die ärztlichen Standesorganisationen in die Tasten. Auch auf dem Ärztetag in Essen ist die Rede von der "Qualitätssicherung in der medizinischen Versorgung" – eine geschickte Formel, um die wachsende Angst vor der "anhaltenden Überproduktion von jungen Ärzten" dem ehrfurchtsvollen Patientenvolk nahezubringen. Immerhin sprechen die Ärzte ungenierter vom Geld als die Juristen. Kleinere Brötchen gäbe es bald und härtere Stühle, und im Jahr 1991 verdienten die Kassenärzte, wenn es so weitergehe, nur noch die Hälfte vom Heutigen.

Und was fällt den Herren als Problemlösung ein? Die Anwälte schielen auf einen Numerus clausus für ihr Fach; jedenfalls ärgern sie sich, daß andere ihn haben. Und sie beklatschen den absurden Plan, für Juristen nach dem vierten Semester noch eine Prüfung einzuführen, damit die fehlgeleiteten Überflüssigen "ihre mangelnde Begabung" früh genug erfahren. Justizminister Engelhard präsentierte diesen schon dutzendmal verworfenen Hut. Einige liberale Anwälte dagegen empfehlen Appelle und Warnungen an Abiturienten.

Die Ärzte sind da nicht so feinfühlig. Sie haben zwar schon den Numerus clausus für ihren Nachwuchs; jetzt soll er sich aber nach den Betten, nicht mehr nach den Studienplätzen richten. Die "Medizinerschwemme" soll vom Staat wegreglementiert werden: Reduzierung der Studentenzahlen, Zwangsverlängerung der Ausbildung, nur halbe Stellen für junge Ärzte an Krankenhäusern, "Repatriierung" ausländischer Ärzte, Verlust des Anspruchs, als Kassenarzt zugelassen zu werden – das sind die ebenso, wohlfeilen wie engstirnigen Rezepte.

Wer das Walten dieser verknöcherten und ängstlichen Standesorgane im wirtschaftlichen und sozialen Kontext der Bundesrepublik von heute betrachtet, der kann, über die Bretter vor den Köpfen nur staunen – immerhin betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen der Zahnärzte (1977) 206 000 Mark, der Ärzte 159 000 Mark, der Rechtsanwälte und Notare 111 000 Mark. Diese Saläre sind in den letzten fünf Jahren noch beträchtlich gestiegen.