Von Kurt Becker

Als der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing 1975 zum ersten Weltwirtschaftsgipfel auf das Schloß Rambouillet einlud, war er dort nicht nur Hausherr, sondern auch der Erfinder dieser weltpolitischen Novität Helmut Schmidt gab ihm Rückhalt, auch gegenüber dem anfangs zaudernden amerikanischen Präsidenten Gerald Ford.

Der wichtigste Impuls Giscards entstammte seiner Besorgnis über die verheerenden Kursausschläge zwischen dem Dollar und den europäischen Währungen. In ihnen sah Giscard – auch vor dem Hintergrund des Ölschocks von 1973 – die eigentliche Ursache des weltwirtschaftlichen Dilemmas. Deshalb strebte er eine Stabilisierung der Wechselkurse auf der höchsten Ebene der westlichen Industriewelt an. Ein Problem, das unverändert vertraut und aktuell geblieben ist.

Aber auch Nostalgie bewegte Giscard: die Erinnerung an eine mit einzigartiger Diskretion gehandhabte Praxis aus seiner Amtszeit als Finanzminister. Er und seine damaligen Ministerkollegen Helmut Schmidt, George Shultz (heute Außenminister Amerikas) und der britische Schatzminister Healey nutzten ihre Präsenz in den Sitzungen des Internationalen Währungsfonds dazu, um sich insgeheim zum vertraulichen und unverblümten Meinungsaustausch zu treffen. Da dieses Quartett weitläufiger Experten sich beim ersten Male in der Bibliothek des Weißen Hauses einfand, hieß es fortan die Library Group.

Schon bald erwies sich die Teilnahme Japans als sinnvoll, später auch die Hinzuziehung Italiens. Alle Minister brachten lediglich einen Berater mit, gelegentlich auch den Notenbankpräsidenten, um die Währungsprobleme, überhaupt die wirtschaftliche Situation in ihren Ländern und im Weltmaßstab zu analysieren.

Als Giscard im Mai 1974 das Präsidentenamt übernahm, zur gleichen Zeit wie Helmut Schmidt die Kanzlerschaft, erblickte er in der Library Group ein faszinierendes Modell für eine offene Aussprache auch auf der höchsten Ebene der Staats- und Regierungschefs. Er setzte diese Idee zunächst in der Europäischen Gemeinschaft in die Tat um, sodann visierte er den Weltwirtschaftsgipfel an.

Die Gipfelidee fiel in eine Zeit, in der alle Staatsmänner der westlichen Welt davon überzeugt waren, daß angesichts der Krise monetäre Probleme und Weltwirtschaftsfragen nicht mehr den Fachministern und ihren engherzigen Bürokratien überlassen bleiben dürften – vielmehr, daß sie nun zu den wichtigsten gesamtpolitischen Führungsaufgaben zählten, zu den Kernproblemen der Stabilität und – neben der Verteidigung – der existenziellen Sicherheit des Westens.