Schließlich: Alle westeuropäischen Regierungschefs waren sich des schleichenden Verfalls der traditionellen weltwirtschaftlichen Vorherrschaft Amerikas bewußt geworden. Gleichzeitig war den großen europäischen Industrienationen und Japan in der Weltwirtschaft eine enorme Bedeutung zugewachsen. So schien die Zeit reif zu sein für einen nunmehr partnerschaftlichen Versuch, das globale Dilemma zu überwinden. Das geschah dann mit dem Gipfelprojekt – ohne formelle Gründung einer neuen Institution, ohne bindende Regeln und ohne bestehende Organisationen zu ersetzen.

Mitte November 1975 versammelten sich die Staats- und Regierungschefs von Amerika, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Japan in Rambouillet. Italien überwand Giscards Veto gegen seine Teilnahme nur, weil es auf den Status einer gerade amtierenden Präsidialmacht in der Europäischen Gemeinschaft pochen konnte. Erst ein Jahr später wurde diese einschränkende Fußnote gelöscht. Auch Kanada fand nicht Giscards Billigung und mußte ein Jahr warten, bis Gerald Ford seinen Nachbarn kurzerhand zum Gipfel in Puerto Rico einlud.

Insgesamt sieben Gipfel hat es in den letzten Jahren gegeben: Rambouillet 1975, Puerto Rico 1976, London 1977, Bonn 1978, Tokio 1979, Venedig 1980, Ottawa 1981, Versailles 1982. Die Zusammensetzung des Kreises gilt als komplett. Als besonderer Vorzug gilt noch immer die Teilnahme des fernöstlichen Riesen, der sonst nirgendwo in westliche Gipfelkonferenzen eingebunden ist. An andere Kandidaten – etwa aus der Dritten Welt – wird nicht gedacht. Die schwindende personelle Kontinuität auf dem Gipfel bereitet ohnedies Kopfzerbrechen. In Williamsburg werden Bonn, Rom und Tokio mit neuen Regierungschefs vertreten sein, und alle drei sind keine Ökonomen.

Freilich halten Veteranen den Gipfel für eine pädagogische Anstalt von hohen Graden. Zumal den Neulingen wird in diesem Kreis der Zwang zu komplexem globalen Denken auferlegt, sie werden auf einzigartige Weise zur Entprovinzialisierung herausgefordert.

Vieles hat sich seit Rambouillet gründlich verändert. Die familiäre Atmosphäre ist dahin. Die anfangs waltende puristische Begrenzung der Publizität und des Protokolls sind einer bombastischen Medienschau gewichen. Die Bürokratien präparieren ihre Chefs immer aufwendiger, aber die vier kurzen Plenarsitzungen der sieben Prinzipale reichen immer weniger aus, um die Untiefen der Probleme zu erforschen. Die Kontinuität der fünf Standardthemen auf dem Gipfel verdient Beachtung: Gesamtwirtschaftliche Entwicklung, Währungspolitik, Welthandel (im Sinne eines Anti-Protektionismus), Energiepolitik und Nord-Süd-Probleme.

Die harsche Kritik, mit der die Sieben allenthalben überzogen werden, ist gerechtfertigt. Sie erwiesen sich weithin als unfähig zu konzertierten Aktionen und Beschlüssen, die einen verheißungsvollen Aufschwung einleiteten. Das Kommuniqué, Schlüsseldokument des Gipfels, ist ein ebenso aufschlußreiches wie abschreckendes Spiegelbild von Allgemeinplätzen, zerbrechlichen Formeln und Kollisionen zwischen unvereinbaren Zielsetzungen geworden. Eine Quittung für die gewollte Unscharfe der Botschaft der Sieben war das Desaster von Versailles, wo jeder Teilnehmer die breiige Kommunique-Formulierung über den Ost-West-Handel nach eigenem Gusto auslegen konnte, woraufhin sich Präsident Reagan zur Ausdehnung des Röhren-Embargos hinreißen ließ.

Hingegen sind die leuchtenden Beispiele der Gipfeldiplomatie, die Ergebnisse von Bonn (1978) und Tokio (1979), eine Erinnerung in weiter Ferne – Bonn wegen der ausbalancierten Selbstverpflichtungen mit dem Ziel eines wirtschaftlichen Aufschwungs; Tokio wegen des entscheidenden Einstiegs aller in die Politik der Energieeinsparung.