Von Hermann Remmert

Da haben wir einen schönen Numerus clausus in allen wichtigen Fächern. Und damit die Jugendarbeitslosigkeit verringert wird, schicken uns denn alle Regierungen immer mehr Studenten auf die Universität. Wenn die jungen Leute dann in fünf Jahren mal fertig werden und dann mit einem wohlklingenden Diplom vor dem Arbeitsamt stehen – Arbeitsloser, ein Beruf mit Zukunft dann ist vielleicht wieder eine andere Regierung dran, und froh heißt es überall: Die Professoren sollen mehr arbeiten, damit sie die vielen Studenten auch vernünftig ausbilden können. Dabei habe ich in meinem Vertrag unterschrieben, Forschung und Lehre in meiner Dienstzeit gleichmäßig zu vertreten. Aber wen interessieren schon die Verträge, die man mit Professoren gemacht hat? Professoren sind ja ein nettes Volk: Sie interessieren sich für ihr Fach und betreiben das bei Tag und Nacht.

Wichtiger ist im Augenblick: Da prügeln und büffeln und mogeln sich die Schüler durchs Abitur, um eine hervorragende Note zu bekommen und um den Numerus clausus beim Eingang in die Universität zu überwinden. Aber: Der nächste Numerus clausus kommt bestimmt. Er kommt ganz sicher noch einmal, wenn die Studenten ihr Studium beendet haben. Das gilt wohl für fast alle Fächer, aber er kommt schon vorher – zumindest in den Naturwissenschaften.

Dort ist nach den aufreibenden Massenkursen der Anfangssemester und den anstrengenden, aber erfreulichen und individuellen Kleinkursen der höheren Semester eine Diplomarbeit anzufertigen – eine Diplomarbeit bei einem Professor in einer kleinen Gruppe unter ständiger Anleitung an teuren Geräten im Labor. Dort kommen dann auf zwanzig Professoren im Jahr 120 Studenten, und der Professor muß Arbeitsplatz, Arbeitsmöglichkeit und Geld (das die Universität nicht bereitstellen kann) zur Durchführung dieser Diplomarbeiten bereitstellen. Er könnte es auch billiger machen, dann bekämen die Leute halt schlechte Zensuren, machten schlechte Arbeiten und ständen vollends auf der Straße.

Aber Professoren der Naturwissenschaften haben komischen Ehrgeiz. Sie möchten hervorragende Arbeiten machen lassen, die den Studierenden wirklich einmal Wissenschaft erleben lassen und die ihm in dieser Zeit doch eine gewisse, geringe Aussicht auf einen künftigen Arbeitsplatz gewährleisten. Das bedeutet Jagd nach Geld, Jagd nach Geräten, Jagd nach Raum, und zwar neben der Betreuung, den täglichen Diskussionen mit dem angehenden Wissenschaftler.

Sechs Diplomanden pro Jahr auf jeden Professor: Das ist die Theorie. In der Praxis gibt es Unterschiede, und nicht alle Professoren werden gleichmäßig von Studenten wegen einer Diplomarbeit aufgesucht. Das ist natürlich unvernünftig. Denn die Professoren sind verschieden. Es sind nicht immer wissenschaftlich die schlechtesten, die nur wenige Diplomanden an sich ziehen. Aber so haben manche – und auch das sind nicht die schlechtesten – zwanzig Diplomanden, mit denen sie allein fertig werden müssen.

Kein Wunder, daß solche Professoren die Notbremse ziehen. An vielen Zimmern von Professoren hängen heute Schilder, daß Diplomarbeiten auf absehbare Zeit nicht mehr vergeben werden können, daß Wartelisten existieren, daß der Professor sich aus Gründen der Arbeitskraft, des Platzes und des Geldes nicht in der Lage sieht, noch mehr Kandidaten aufzunehmen. Der nächste Numerus clausus kommt bestimmt. Schon jetzt breitet sich die Sorge an vielen, vielen Hochschulen aus, wie die Studierenden zu ihrer Diplomarbeit in der Zukunft kommen werden. Glücklich die Universitätsstädte, an denen Forschungsinstitute in der Lage sind, den großen Drang außerhalb der Universität aufzunehmen. Am Rande der Verzweiflung die Institute und die Universitäten, die über solche universitätsunabhängigen Forschungseinrichtungen nicht verfügen.