Falsch: Du hast nur die Leute gezählt, die mit dem Einkaufswagen in der Schlange stehen. Und nun glaubst du, eher an der Kasse zu sein, nur weil du in der kürzeren Reihe stehst. Plötzlich kommen sie in der Schlange links und rechts von dir schneller voran. Du hast dich also falsch eingeordnet. Das kostet Nerven.

Richtig: Du vergleichst blitzschnell das Brutto-Volumen der einzelnen Wagen, stellst es in eine Relation zu den Wagenlenkern (den Langsamen erkennt man daran, daß er sein Portemonnaie nicht in der Hand hält) und schaust gleichzeitig den Frauen an der Kasse auf die Finger, um zu prüfen, mit welcher Geschwindigkeit sie die Tasten drücken. Erst dann reihst du dich ein. Und siehe da: Plötzlich kommst du schneller voran als die Leute links und rechts neben dir, die der Kasse anfangs viel näher waren. Die Freude darüber ist besonders groß, wenn du vorher einen Rivalen unter den Wagenlenkern hattest, den du nun abgehängt hast.

Am Anfang hat natürlich jeder im Supermarkt seine Chance, nicht unter die Räder zu kommen. Allerdings: Den Experten erkennt man sofort, kaum daß er drin ist. Er nimmt nicht irgendeinen Wagen, nicht einen, der da gerade dran ist in der Reihe des ineinandergeschobenen Tatzelwurms – er wählt aus. Ein Griff genügt, und er spürt, ob sein Wagen einen Links- oder Rechtsdrall hat. Das kann beim Marsch durch den Dschungel der Regale wichtig sein; denn unsereiner kauft rhythmisch.

Wenn ich also rechts anfange und den Laden nach links aufrolle, kann ich kein Gefährt gebrauchen, das grundsätzlich gegensteuert. Ich könnte auf diese Weise ja weggedrängt werden von einem Regal, das mir teuer ist.

Wie gesagt, ein Supermarkt-Experte läßt sich von seinem Weg nicht abbringen. Aber dann traf ich ihn, auf der Höhe der Fischkonserven. Er hatte ebenfalls einen schnellen Wagen, mit dem er blitzschnelle Wendungen machen konnte. Und er sah mir, verdammt noch mal, von Anfang an so aus, als könnte er mir in die Quere kommen.

Bei den tiefgefrorenen Gänsebrüsten rammte er mir zum erstenmal (,,’tschuldigung") seinen Wagen in die Kniekehlen. Vor dem Gemüsestand war er wieder hinter mir, ich spürte die Räder seiner Karre in den Hacken. An den Brotregalen stand er Schulter an Schulter mit mir vor den Toastschnitten. Und als er mir in der Spirituosen-Abteilung mit schnellem Griff auch noch just jene Flasche Whisky wegschnappte, die ich im Auge hatte, da kam es zum Duell zwischen uns.

Ich schob nun meinen Wagen vor mir her wie eine Waffe. Und ich fühlte mich ausgesprochen wohl bei dem Gedanken, ein bißchen gestelzt zu wirken wie weiland Gary Cooper in High Noon: rechten Fuß vor, die Hand an der rechten Hüfte, immer griffbereit zum Colt.