Das Wort steckt wie ein Stachel im Fleisch: "Darlehensnehmer". Erfunden hat es der Politologe Werner Kaltefleiter, und es macht die Tatsache anschaulich, daß bei den letzten Bundestagswahlen mehr als die Hälfte der FDP-Zweitstimmen von Wählern stammten, die in der Union zu Hause waren. Es bezeichnet auch eine bisher ungelöste Aufgabe, nämlich die FDP nach Wende und Wahl einigermaßen dauerhaft zu stabilisieren und (um es wiederum in den Worten Kaltefleiters auszudrücken) "das Darlehen in Eigenkapital umzuwandeln".

Die Metapher ist nicht zufällig dem wirtschaftlichen Bereich entnommen, denn Kaltefleiters Vorschlag für die FDP-Politik lautet: "Betonung von ordnungspolitischen Grundsätzen, die die Marktwirtschaft und eine entsprechende Gesellschaftsordnung kennzeichnen... Dagegen müssen alle Versuche der FDP, weiter ihre modisch-liberalen Themen zu betonen, die sie in ihrer Koalition mit der SPD gepflegt hatte, insbesondere im Hinblick auf die Rechtspolitik, für eine Stabilisierung der FDP eher kontraproduktiv werden. Sie werden tiefverwurzelte Zweifel unter den Unionssympathisanten, ob man der Wende-FDP auch wirklich trauen könnte, nur verstärken und diese davon abhalten, auf Dauer zur FDP zu wechseln und sich mit ihr zu identifizieren."

Daß die FDP ab Darlehensnehmer der Union die Rückkehr in den Bundestag geschafft hat, läßt sich kaum bestreiten. Da mag man, anders als Kaltefleiter, die Stammwählerschaft der FDP höher als zwei Prozent, ansetzen; aber auch bei günstigen Annahmen liegt sie nicht viel über drei Prozent – jedenfalls deutlich unter der über die Parlamentsfähigkeit entscheidenden Fünf-Prozent-Grenze. Um über fünf Prozent zu kommen, muß die FDP Wähler ansprechen, die erst noch überzeugt sein wollen. Das Rezept Kaltefleiters allerdings halten die Liberalen für zweifelhaft, ja für schädlich.

Kaum überraschend ist es, daß Gerhart Baum, der ehemalige Innenminister, davon nichts hält: "Die Liberalität läßt sich nicht auf einen Lebensbereich beschränken; die liberalen haben eine unverzichtbare Funktion in der Wirtschaftspolitik, aber sie sind von ihrem Selbstverständnis her auch eine Bürgerrechtspartei." Etwas überraschender, wenigstens für Außenseiter, ist es, daß auch die Generalsekretärin Adam-Schwaetzer die These für falsch hält, die FDP könne als reine Wirtschaftspartei ihre Existenz sichern. Die Generalsekretärin beruft sich dabei auf Untersuchungen, wonach immer noch mehr ab die Hälfte der Wähler eine "fortschrittliche" Politik von der FDP erwarten. Der Begriff ist zwar vage und vieldeutig, aber soviel scheint sicher: In der Außen- und Rechtspolitik wird der FDP ein korrigierender Einfluß zugeschrieben und von der Mehrzahl der FDP-Wähler wenn nicht gefordert, so doch billigend in Kauf genommen. Jedenfalls will die Generalsekretärin die Bandbreite des klassischen Liberalismus erhalten, der sich ja auch nicht nur in der Wirtschaft ausgedrückt hatte.

Von radikal-demokratischen Neigungen der FDP ist freilich nichts übriggeblieben, ihr Liberalismus ist, nach dem Wechsel mehr noch ab vorher, von Pragmatismus und defensiver Bedächtigkeit überlagert. Aber ab CDU de luxe versteht sich die FDP nicht. Der Abgeordnete Kleinen, der in der letzten Debatte aus dem Stand ein meisterhaftes Kurzkolleg über Rechtspolitik hielt, war sicher nicht modisch, aber gewiß liberal

Von den ehemaligen Gegnern des Koalitionswechsels in der Fraktion ist keiner auf die Strafbank geraten; sie werden nicht nur geduldet, sondern eingesetzt. Sie sind – wie Ronneburger als stellvertretender Fraktionsvorsitzender oder wie Schäfer und Haussmann ab Arbeitskreisvorsitzende – in die Fraktionsarbeit eingebaut. Baum wird Fleiß und Nachdenklichkeit bescheinigt, Hirsch schlägt wie eh und je eine scharfe Klinge im Bundestag. Und dank freundlicher Nachhilfe der Union, vor allem der CSU, besteht an Profilierungsmöglichkeiten für die FDP kein Mangel.

Die Konflikte um Ost- und Rechtspolitik werden, so scheint es, in der Koalition fast härter, jedenfalls öffentlicher ausgetragen als in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Und das trotz Kaltefleiters Rat: Je stärker die Führung der Union glaubt, sozial-populistische Forderungen vertreten zu müssen, je mehr sie den Kurs der Partei von Vorstellungen der katholischen Soziallehre bestimmen läßt, je stärker der erkennbare Einfluß der Sozialausschüsse – im Jargon jener CDU-Anhänger, die der FDP das Darlehen zeichneten: ‚Herz-Jesu-Sozialisten‘ – ist, desto größer sind die Stabilisierungschancen für die FDP."