/ Von Joachim Dyck

Ende vergangenen Jahres fragte der Pädagoge Hartmut von Hentig: "Brauchen wir ein Wissenschaftskolleg in Berlin?" (ZEIT vom 31. 12. 1982). Die Frage läßt sich mit "Ja" beantworten oder mit "Nein". Man kann eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen und die verhältnismäßig bescheidene Summe von vier Millionen Mark, die der deutsche Steuerzahler für das Kolleg berappen muß, etwa durch die Seiten der Bücher teilen, die als Folge des Aufenthaltes geschrieben werden oder durch die Stunden der Psychoanalytiker, die nach einem solchen Aufenthalt nicht mehr in Anspruch genommen werden müssen: Die Bedeutung des Kollegs für die geisteswissenschaftliche Forschung in der Bundesrepublik Deutschland wird sich – ob Sanatorium oder Gralsburg – schließlich und endlich an den Leistungen messen lassen müssen, die jetzt noch gar nicht vorliegen und eben erst das Ergebnis des Aufenthaltes ausmachen sollen. Und das dauert manchmal Jahre.

Berichte über den Nutzen von Forschungsaufenthalten und Freisemestern, von Auslandsreisen, Symposien und Colloquien tragen den Stempel persönlicher Phantasien und sagen wenig Grundsätzliches über Nützlichkeit oder Vergeblichkeit solch "erholsamer Privilegien" aus. Die persönliche Bilanz allerdings, die Hentig uns in der ZEIT vorlegte, fordert einen Kommentar heraus. Und zwar nicht deswegen, weil dieser Bericht die Vorteile eines Aufenthaltes am Berliner Kolleg unzulänglich oder zuwenig eindrücklich darstellte. Im Gegenteil: Das "unsägliche Glück beim Erwachen in einen durch nichts bedrohten und besetzten Tag", der "köstliche Luxus" einer unbegrenzt lustvollen, scheinbar zweckfreien Lektüre läßt sich sehr leicht nachempfinden und wird selbstverständlich Neid erregen bei denen, die zu Hause bleiben müssen.

Privilegierter Beruf

Der Vorbehalt wendet sich vielmehr gegen ein Bild, das durch das Lob der Berliner Einrichtung virtuell produziert wird und das zum x-ten Mal einen Eindruck verstärkt, der der deutschen Öffentlichkeit spätestens seit der Studentenbewegung 1968 bestens vertraut ist: Das Bild vom deutschen Hochschullehrer, genauer vom deutschen ordentlichen Universitätsprofessor, der isoliert, durch administrative Zwänge eingeschränkt, von Studentenmassen bedroht, durch Prüfungen gebeutelt, nicht mehr zu sich und dem "Eigentlichen" seiner Forschungsarbeit kommen kann. Wie schlecht steht es doch, bei Lichte besehen, um die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaftler, wenn sie durch einen Aufenthalt am Berliner Kolleg erst ihre wissenschaftlichen Lebensgeister wiederfinden, die ihnen in den Plackereien eines zermürbenden Universitätsalltags abhanden gekommen sind.

Dieses trübe Bild aber muß aufgefrischt und von der Staubschicht des Selbstmitleids und der Klagelitaneien befreit werden, die das öffentliche Bewußtsein bestimmen, damit der Glanz der Realität dem Betrachter wieder einmal sichtbar wird.

Denn es gibt in der Bundesrepublik Deutschland wohl keinen privilegierteren Beruf, keinen Beruf, der ein so hohes Maß an Identifikation ermöglicht und so wenig entfremdete Arbeit verlangt wie der des deutschen Universitätsprofessors (C 4 – C 3), für den allein die gesetzlich garantierte Freiheit von Forschung und Lehre noch kein leerer Wahn geworden ist. Denn die Lehrverpflichtung von sechs bis acht Wochenstunden in Form von Vorlesungen, Seminaren und Colloquien braucht im wesentlichen an nichts anderem ausgerichtet zu sein als an den eigenen persönlichen Vorlieben und Interessen: Wer es für richtig hält, eine Vorlesung über die "Kirchenpolitik in den spanischen Niederlanden" oder auch über die "Edda" zu halten, obwohl alle Welt den Kopf schüttelt über eine solch unzeitgemäße Unternehmung, die in den Lehrplan oder die vom Ministerium gesetzten Ausbildungsziele kaum paßt: Den Professor muß es nicht anfechten, er kennt keinen Herrn über sich, der ihm das Gelüst verbieten könnte. Sein eigener Wunsch ist ihm Befehl, die Freiheit von Forschung und Lehre das umfassende Gesetz, dem sein intellektuelles Leben untersteht.