Köln

Kurz vor den Weihnachtsferien verlor die 17jährige Gymnasiastin Susanne ihre Schülerkarte für die Eisenbahn. Wie der Zufall es wollte, fand der Bahnhofsvorsteher die Zeitkarte. Das geschulte Eisenbahnerauge entdeckte Unglaubliches: Das amtliche Dokument "Fahrkarte" war manipuliert worden. Die nähere Inspektion der Angelegenheit ergab, daß die Schülerin aus einer anderen Monatskarte der Bundesbahn einen schmalen Querstreifen herausgeschnitten hatte, auf dem als Zielort Düren stand. Der Querstreifen war so geschickt an der eigenen Jahresfahrkarte mit einem Stück Tesa-Film angeklebt, daß der ursprünglich eingestempelte Zielort Jülich nahtlos zugedeckt werden konnte. Je nachdem wohin die Reise gehen sollte, konnte die Schülerin jetzt wählen: Düren oder Jülich – und das alles zu ein und demselben Preis.

Eigentlich eine ganz praktische Sache, wenn da nicht die Beförderungsbedingungen der Bundesbahn wären. Die Männer mit der blauen Uniform werden nämlich sehr ungemütlich, wenn sie Fahrgäste beim Schwarzfahren erwischen. Eine Anzeige war fällig. Und eigentlich schien die Sache dann ihren gewöhnlichen Lauf zu nehmen: Das Jugendgericht erteilte der Schülerin wegen Urkundenfälschung eine Verwarnung und verurteilte sie zu einer Geldbuße.

Doch so schnell wie das Jugendgericht es sich vorstellte konnte der Fall doch nicht zu den Akten gelegt werden: Die Juristen vom Oberlandesgericht vertieften sich noch einmal in die Angelegenheit und stießen auf ungeahnte, sehr diffizile Probleme. Eine Urkundenfälschung liegt nämlich nur dann vor, so das Ergebnis der langwierigen richterlichen Recherchen, wenn eine hinreichend feste Verbindung zwischen dem Original und dem Zusatz gegeben ist. Der Inhalt einer Urkunde sei nur durch das Hinzufügen eines Schriftstückes verfälscht, wenn die ursprüngliche Urkunde mit dem zweiten Schriftstück hinreichend fest, wenn auch nicht unbedingt unlöslich, verbunden sei.

Da die Richter ahnten, daß dieser Hinweis einige Fragen offenläßt, wurden sie ganz praktisch: Also stelle man sich vor, einen Bogen Papier in ein Dokument einzulegen – keine Urkundenfälschung. Wenn aber auf einer Monatskarte der Straßenbahn das Photo der Freundin durch das eigene verdeckt und dies mit einer Büroklammer befestigt wird, dann ist das eine Urkundenfälschung. Denn mit Hilfe einer Büroklammer entsteht eine hinreichend feste Verbindung. Wird ein Klebestift benutzt, ist die Sache nicht anders zu bewerten als bei der Büroklammer. Damit schien der Sachverhalt nun endgültig aufgeklärt zu sein, daß Susanne eine Fälschung vorgenommen hatte und deshalb zu Recht bestraft worden war.

Doch weit gefehlt: Susanne hat nämlich eigentlich im engeren Sinne ihren zweiten Zielort nicht auf die Fahrkarte geklebt. Der Querstreifen auf der Schülerkarte war ja mit Tesa-Film so angebracht, daß man nach Wunsch den einen oder anderen Zielort wählen konnte. Das Besondere an dieser Fahrkarte war also gerade, daß die Manipulation variabel verwendbar war, sie also eigentlich das Gegenteil von einer hinreichend festen Verbindung darstellte.

Aber nach soviel Hin- und Herüberlegen, Wenden und Drehen hatten es auch die Kölner Richter satt. Man ließ es dahingestellt, ob eine feste oder weniger feste Verbindung vorlag. Vielmehr konzentrierte man sich auf einen weiteren Punkt, der dann die Sache zugunsten von Susanne doch noch vom Tisch brachte.

Die Gymnasiastin wurde freigesprochen, weil man sie schließlich gar nicht beim Schwarzfahren erwischt hatte. Die Fahrkarte fand man ja auf dem Bahnsteig. Vielleicht hatte Susanne nur erst mal ihr Geschick testen wollen. Die Richter dazu: Es sei nicht auszuschließen, daß ihre Manipulation lediglich als Probe diente und in dem Bewußtsein erfolgte, diese Manipulation alsbald wieder rückgängig zu machen. Natürlich vor der nächsten Fahrt nach Jülich. Klaus Heimann