Von Hans Otto Eglau

Gesucht wird ein Fabelwesen: Ein voll im Geschirr stehender Industrieller allererster Bonität, der bereit ist, die Hälfte seiner Arbeitszeit zu opfern, ein nüchterner Praktiker mit einem ausgeprägten Sinn für die drängenden gesellschaftspolitischen Probleme und ein harter Verfechter interessengebundener Standpunkte der Wirtschaft, der zudem im "politischen Raum" und – über die Massenmedien – gleichzeitig beim kleinen Mann gut ankommt.

Gesucht wird der sechste Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der Dachorganisation von 37 industriellen Fachverbänden von A bis Z – angefangen vom Verband der Automobilindustrie bis zum Verein der Zuckerindustrie. Strenggenommen hätte die Suche eines Nachfolgers für den derzeitigen Präsidenten Rolf Rodenstock durchaus noch Zeit – der neue "Boß der Bosse" soll formell erst im kommenden Frühjahr gewählt werden und sein Amt am 1. Januar 1985 antreten.

Doch da es sich um ein so kompliziertes Geschäft handelt, haben hinter den Kulissen längst die wirklichen und eingebildeten "Königsmacher" mit ihren diskreten Sondierungen begonnen. Nach der diesjährigen BDI-Mitgliederversammlung Anfang Mai in Bonn ist das Kandidatenkarussell spürbar in Bewegung geraten.

Die frühzeitige Ausschau nach einem überzeugenden Nachfolger für Rodenstock verrät das Bedürfnis der BDI-Oberen, mit der Präsentation eines allgemein anerkannten Thronfolgers die lange Serie personeller Turbulenzen an der Spitze des Dachverbandes endlich vergessen zu machen. Es begann damit, daß im Frühjahr 1976 der damalige BDI-Präsident Hans-Günther Sohl den bereits in aller Form zu seinem Nachfolger bestimmten Bayer-Aufsichtsratschef Kurt Hansen wieder zum Verzicht bewegte. Statt des Chemie-Industriellen setzte einschließlich den Daimler-Manager Hanns-Martin Schleyer als Doppelkopf gleichzeitig für die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und den Bundesverband der Deutschen Industrie durch. Der Mord an Schleyer im Herbst 1977 ließ das ganz auf seine Person des Super-Präsidenten zugeschnittene Führungsmodell für die beiden Schwesterorganisationen nur als kurzfristige Episode in die Annalen der beiden Verbände eingehen.

Noch kürzer war die Amtszeit von Schleyers Nachfolger Nikolaus Fasolt. Der im März 1978 von einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gewählte Bonner Fliesenfabrikant, durch eine peinliche Affäre um Parteispenden ins Zwielicht gerückt, warf bereits im August desselben Jahres das Handtuch.

Für den zu allem Unglück auch noch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Mittelständler sprang schließlich der Münchener Brillenproduzent Rolf Rodenstock in die Bresche. Der verbandserfahrene Professor ging bei seinem Amtsantritt kaum davon aus, die Spitze der deutschen Industrielobby ganze sechs Jahre lang repräsentieren zu müssen. Zunächst sah auch alles danach aus, als könne er die Staffette Anfang 1983 programmgemäß weiterreichen: Schon im März 1981 bestimmten die BDI-Delegierten den schon geraume Zeit in den Startlöchern scharrenden Flick-Gesellschafter und Schleyer-Freund Eberhard von Brauchitsch dazu, Rodenstocks Nachfolge anzutreten. Von dem konservativen Adligen erwartete vor allem die Großindustrie endlich eine stärkere Profilierung ihres Spitzenverbandes in der Öffentlichkeit. Mit Brauchitsch als BDI-Chef werde es der ebenso mitteilsame wie mediengewandte DIHT-Präsident Otto Wolff von Amerongen nicht mehr so leicht haben, die Meinung der Wirtschaft zu wichtigen politischen Themen nahezu allein zu artikulieren, hofften sie.