/ Von Helmut Schmidt

Das Wort "Gipfeltreffen" hat mir nie gefallen, weil es etwas Ungewöhnliches, sozusagen Einmaliges zum Ausdruck zu bringen scheint. Im Gegensatz dazu halte ich vielleicht mehr regelmäßige persönliche Gespräche zwischen den Leitern der Staaten für eine Notwendigkeit. Und lange Jahre persönlicher Erfahrung mit Spitzenbegegnungen haben mich darin bestärkt. Sie haben dazu beigetragen,

  • daß die Chefs der Staaten und Regierungen unmittelbar und eindrucksvoll die Erfahrungen, die Interessen und die Motive ihrer Nachbarn, ihrer Verbündeten wie aber auch ihrer Gegenspieler erfassen konnten;
  • daß die Chefs der Staaten und Regierungen gezwungen waren, die Interessen ihrer eigenen Völker und Staaten zu definieren und plausibel vorzutragen;
  • daß alle Beteiligten gezwungen waren, unmittelbar und persönlich nach Antworten auf die Fragen zu suchen: Wo und wie kann man sich über Kompromisse einigen? Wo liegen die Grenzen denkbarer Kompromisse? Was kann man gemeinsam tun, um gemeinsamen Interessen zu dienen? Was muß geschehen, um vermeidbare Konflikte zu vermeiden? Was muß beachtet werden, damit gemeinsame Interessen nicht verletzt werden?

Regierungschefs sind meistens einsame Personen, weil sie keinen Teil ihrer Verantwortung auf Minister, auf Senatoren oder Abgeordnete, auf Kirchen, Wissenschaft, auf eigene Parteien oder Freunde oder "öffentliche Meinung" abwälzen dürfen, weil sie keine Entscheidungen anderen überlassen dürfen, die sie selbst zu treffen und zu verantworten haben. So sehr sie selbst der Kontrolle und Kritik bedürfen, so sehr haben sie zu entscheiden und zu führen. Wenn sie es nicht tun, sinkt das Land in Schlendrian, oder sie bleiben nicht lange im Amte. Diese "Einsamkeit" wird in Gipfeltreffen zu einem erheblichen Maße gelindert – am allermeisten, wenn zwei Männer sich ohne Sprachbarrieren und ohne zeitliche Bedrängnis unter vier Augen austauschen können.

Diese Art von exklusiver Begegnung zwischen Chefs hat dazu geführt, daß Breschnjew und ich wechselseitig von dem tief verankerten Friedenswillen des anderen überzeugt wurden; daß Giscard d’Estaing und ich uns so gut kannten, daß der eine die Reaktion des anderen im Vorwege erfühlen konnte und das Telephonat dann nur noch die Bestätigung brachte; daß Gerald Ford und ich voneinander wußten: Das Wort des anderen gilt und du kannst dich darauf verlassen – und das gleiche galt für Jim Callaghan; daß Gierek und Schmidt voneinander überzeugt waren: beide wollen deutsch-polnische Verständigung an Stelle alter gegenseitiger, böser Ressentiments. Dies sind nur wenige Beispiele von Leuten, die nicht mehr in ihren Ämtern sind. Spitzenbegegnungen sind nicht nur geeignet, die Kompromißbereitschaft zu stärken; sie schaffen auch gegenseitiges Vertrauen und fördern gegenseitige Kalkulierbarkeit. Sie stärken die internationalen Aspekte zu Lasten der nationalen Aspekte. Mit anderen Worten: Sie dienen dem Frieden.