ZDF, Sonnabend, Mai, 18.00 Uhr: "Die Welt, in der wir wohnen – Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch", Film von Jürgen Schneider und Peter Schumann

Nein, hier ist nicht von Kunst am Bau die Rede, sondern von Grün am Bau. So ändern sich die Zeiten, besser: So indem sich die Notwendigkeiten. Auf einmal ist es sonnenklar, daß wir mit all unseren leidenschaftlichen Klagen über die versteinerte, betonierte, asphaltierte, längst in die Umgebung sich ergießende Stadt das Nächstliegende vergessen oder nicht ernst genug genommen haben: Gras und Strauch, Kraut und Baum darin zu pflanzen und zu pflegen. "Die Stadt", hört man den zum Biotekten gewordenen Architekten Rudolf Doernach sagen, "braucht die Pflanze." Er erkennt darin eine "wirtschaftliche, beinahe selbst wachsende, ohne Fremdenergie funktionierende Sanierungsmöglichkeit für die Stadt". Eine Fiktion? Er insistiert: "Es geht!"

Seine Beispiele, die er in der Nähe von Stuttgart auf seinem Pflanzenforschungshof züchtet, sind aber nur wenige von überraschend vielen, die mit Geduld, Spürsinn und Phantasie für diese ausgezeichnete Sendung gesammelt worden sind und ihrem Untertitel eine geradezu überwältigende Beweiskraft geben: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch", in Hinterhöfen und auf Dächern, an Brandgiebeln und auf der Strafe, in Fenstern und auf Balkons, auf Plauen sowieso. Würde diese Reportage eineinhalb Stunden später zu noch besserer Abendzeit gesendet – es wäre denkbar, daß da halbe Nation augenblicklich nachzusinnen begänne, wie sie die vermaledeite Stadt in einen Garten verwandeln, einfacher: begrünen, also angenehmer bewohnbar machen könne.

Der faszinierende, ja anstiftende Film beginnt mit nervös pochender Musik und gräßlichen Bildern von der steingrauen Stadt, die keinen Hain zu dulden scheint, und er endet mit lustiger Musik aus einem den Bewohnern, nein, von ihnen selber zurückeroberten Hinterhof. Das Wort von einer neuen Hofkultur, das dabei fällt, wirkt kaum übertrieben, wenngleich der Film deutlich macht, daß das Begrünen der Stadt nicht zuletzt von der Aufgeschlossenheit der Städter selber abhängt, von ihrer Mitfreude, ihrer Mitverantwortung, von ihrer Mitarbeit,

In der Introduktion gebärdet sich der Film noch wie viele seinesgleichen mit einem Anliegen plakativ, doch das verliert sich, sobald er zur Sache kommt: zu seinen Argumenten. Und die teilen sich eigenartigerweise in technischen Metaphern mit. Pflanzen, so lernt man, seien von der Sonne betriebene Klimageräte, seien reibungslos funktionierende Luftgeneratoren, bildeten, an Brandmauern emporrankend, Klimajalousien: Sie schützen vor Wind, mildem die Sonne, filtern und erfrischen die Luft, sind dem Auge ein Wohlgefallen. Und alles das wird trefflich illustriert mit Beispielen, die manchmal bekannt wirken, aber vergessen sind, die manchmal verblüffen oder zur Nachahmung verführen, die den Anschein von Kauzigkeit rasch verlieren. Sechs Meter hohe Bäume auf einem Dach – warum nicht? Spalierobst-Arrangements als Früchte tragende Triumphbögen – nur zu!

Natürlich begegnen wir auch den Künstlern, die zu Pflanzen-Apologeten geworden sind, dem Berliner Ben Wargin etwa oder, schon fing man an, ihn zu vermissen, Friedensreich Hundertwasser, der das Thema doch eigentlich erst aufgebracht hatte vor dreißig Jahren. Man sieht seine Zeichnung des Mietshauses, das jetzt nach seiner Idee wahrhaftig gebaut wird, mit Dachterrassen, Gärten und Bäumen, die aus Fenstern wachsen. "Das Haus", sagt der Maler, "soll ja sehr romantisch aussehen."

Eben dies spielt bei dem Bemühen, das "Kübelgrün" mit normalem Grün aus der Stadt zu verspotten, keine geringe Rolle: die Illusion vom grünen Stadt-Idyll – eine Utopie, aber eine freundliche. Manfred Sack