Von Ralf Dahrendorf

Ich bin wahrscheinlich isoliert und ein Opponent, ein normales Schicksal für einen wahren Liberalen." Raymond Aron, der das zu seiner Rolle im Frankreich Mitterrands sagt, untertreibt. Der bald 80jährige hat die französische Geschichte im langen Schatten des Ersten Weltkriegs zu kommentieren begonnen, und er kommentiert sie noch. Er hat zudem seine Kommentare in zwei Richtungen hin vertieft: kulturell durch seine frühe Beziehung zu Deutschland, seine spätere zu England und den Vereinigten Staaten; gedanklich durch seine philosophischen und soziologischen Untersuchungen. Die Summe ist ein großes Opus der Analyse: die durchsichtig gemachte Epoche, eine seltene, bedeutende Lebensleistung.

Zwei junge Sozialwissenschaftler, Jean-Louis Missika und Dominique Wolton, haben Aron ausgiebig für mehrere Fersehsendungen befragt; aus dem Ergebnis ist, mit einigen Umstellungen und Ergänzungen, ein spannendes Buch geworden:

Raymond Aron: "Der engagierte Beobachter; Gespräche mit Jean-Louis Missika und Dominique Wolton; Übers. v. Klaus Schomburg. Klett Cotta-Verlag, Stuttgart 1983, 276 S., DM 38,–.

Missika und Wolton sind enttäuschte Kinder der "Revolution" von 1968 und noch immer voller linker Überzeugungen. Von der ersten Seite an stößt sich ihre Suche nach Meinungen an Arons grenzenloser Sachlichkeit, die auch dann nicht aufhört, wenn er von Pétain, von Hitler und Stalin, ja vom Holocaust spricht. Sie hört eigentlich nur an einer einzigen Stelle auf, an 1968 selbst.

Nicht der "Ruf, jemand zu sein, der analysiert, der seziert und der nicht auswählt", trifft Arons Schwäche, sondern der erstaunliche Widerspruch zwischen allem, was er sonst zu sagen hat, und den emotionalen Unklarheiten, wenn die Rede auf den Mai 1968 kommt. Mal ist er Episode, mal staatsbedrohend. Mal ist er Karneval, mal wohlorganisierte Beinahe-Revolution. Und dann der ungezügelte Ärger: "Ich hielt es für absolut verwerflich, daß eine Bande von Straßenjungen die Regierung, das Regime und das politische Frankreich stürzen wollte." Die "Straßenjungen" sind die von ihm so oft gepriesenen Studenten ("Der Unterricht ist für mich immer eine Art Verteidigung gegen den Jounalismus gewesen, eine Verpflichtung, ernsthaft zu arbeiten")!

Die Spannung zwischen Fragenden und Befragten kommt dem Fluß des Buches indes zunutze. Da entsteht das Bild des verkommenden Frankreich der dreißiger Jahre, des raschen Zusammenbruchs, dann der beiden Frankreich, dessen von Pétain und dessen von de Gaulle. Die Franzosen, wollten beide, meint Aron. Er wohl auch, wenngleich er nach London geht und dort die Zeitung der Gaullisten herausgibt. Nach dem Kriege dann die Episode als Kabinettschef von Malraux, bald wieder gefolgt vom unabhängigen, immer kritischen Journalismus. Die IV. Republik mochte er nicht Vor allem das Versagen angesichts des Algerien-Problems bekümmert ihn. Sein Pamphlet dazu war vielleicht Arons bedeutendster journalistischer Wurf. Spät, zu spät, verwirklicht de Gaulle, was Aron fast ein Jahrzehnt früher gefordert hatte. Die V. Republik scheint ihm besser, auch wenn sie Mitterrand an die Macht gebracht hat und damit die Gefahr für Wiederholung der wirtschaftspolitischen Fehler der Volksfront unter Léon Blum.