Von Beate Pinkerneil

Ist so etwas vorstellbar: ein Roman, der mit Hilfe der Psychoanalyse und ihres Schöpfers Sigmund Freud eine scheinbar originale Krankengeschichte von solcher Intensität, Dramatik und Rätselhaftigkeit entfaltet, daß sie den Leser nicht mehr losläßt? Dessen Thema das ferne Land der menschlichen Seele ist, von dem schon Heraklit sagte, es sei unnahbar und unerforschbar? Der sich über unser Jahrhundert mit seinen monströsen Massenvernichtungen erstreckt, um schließlich in einem alttestamentarischen Garten Eden zu enden?

Wenn der Erzähler auf seiner archäologischen Expedition zum Kontinent der Psyche überdies noch den Leser veranlassen will, zusammen mit ihm Schicht für Schicht des dort verschüttet liegenden Materials abzutragen, damit er erkennt, daß dabei seine eigene Sache verhandelt wird - muß jener Erzähler dann nicht unweigerlich an einem so ehrgeizigen Vorhaben scheitern?

Das jüngste Werk des englischen Schriftstellers –

D. M. Thomas: "Das weiße Hotel", Roman, aus dem Englischen von Wolfgang Schlüter; Hanser Verlag, München, 1983; 239 S., 36,– DM

beweist, daß die kühne Komplizenschaft von Poesie und Psychoanalyse, Sinnlichkeit und Intelligenz möglich ist.

Einige Briefzeugnisse eröffnen die Zeitgeschichte liche Szenerie. Man schreibt das Jahr 1909. Der ungarische Nervenarzt Sandor Ferenczi, ein früher Bewunderer Freuds, berichtet über die Erfolge des Meisters in Amerika. Später übersendet Freud ihm das Journal einer Patientin, die an schwerer Hysterie leidet. In ihm findet er seine Theorie der Psychoneurosen bestätigt: "Ein Äußerstes an libidinöser Phantasie – gepaart mit einem Äußersten an Morbidität. Als blickte Venus in ihren Spiegel und sähe darin das Antlitz der Medusa." Dann folgt abrupt ein hymnischer Gesang in freien Versen, eine Flut wilder sexueller Ausschweifungen und Obsessionen, in denen sich Visionen der Lust und des Todes jagen. Dramatis personae sind zwei Liebende in einem Hotel in den Bergen an einem See. Merkwürdige Dinge gehen dort vor. Nachts – stürzen Sterne durch den schwarzen Himmel, eine