Von Justin Westhoff

Michael Bethke hing an seinem Papagei. "Lolita", der ausgesprochen drollige Spielkamerad, ist als unfreiwilliges Versuchstier elend verendet. Daß damit – hoffentlich – ein bislang gut versteckter Stein ins Rollen kommt, wird den sechsjährigen Berliner kaum trösten. Dem Vogel wurde zum Verhängnis, was offenbar auch menschliche Gesundheit und Umwelt zu schädigen vermag: als harmlos ausgegebene Ledersprays. Mehr noch: Ähnliche Stoffe wie im Imprägnationsgemisch befinden sich in einer ganzen Palette weiterer Haushaltsmittel. Eine schlimme Gesetzeslücke tut sich auf.

Michaels Mutter hatte in ihrem Keller einen Ledersessel mit "Imprägnol" eingesprüht, während der Papagei herumhüpfte. Eine Stunde später erstickte er qualvoll. Auch Inga Bethke verspürte Vergiftungs-Erscheinungen: heftiger Hustenreiz und schmerzhafte Atemnot. Die akuten Symptome gingen nach einigen Stunden zurück, die Kurzatmigkeit hielt Tage an.

Obwohl Frau Bethke als Technische Assistentin informierter ist als "der" Durchschnittsverbraucher, hat sie sich, strenggenommen, eine kleine Unkorrektheit zuschulden kommen lassen: Während der Anwendung des Sprays blieben die Fenster geschlossen, wenngleich öffnen empfohlen wird – allerdings nur im Kleingedruckten. Der hervorgehobene rote Aufdruck auf der "Imprägnol"-Dose enthält weder einen Hinweis auf eventuelle Gesundheitsgefahren noch eine Deklaration der Inhaltsstoffe. Im Gegenteil: Käufer werden gleich dreimal mit dem Werbespruch: "umweltfreundliches Treibgas" in Sicherheit gewogen.

Die Zusammensetzung erfuhr die Geschädigte erst nach beunruhigten Anrufen bei verschiedenen mehr oder minder kompetenten Stellen, darunter die Beratungsstelle für Vergiftungen und die Verbraucherzentrale. Demnach enthält "Imprägnol" zu fünf Prozent den eigentlichen Wirkstoff (perfluorierte Polymere), zu 45 Prozent ein Propan-Butan-Gemisch als Treibmittel und ansonsten als Lösungsmittel Perchlorethylen, von Fachleuten oft "Per" abgekürzt.

Inga Bethke, aufmerksam geworden, erinnerte sich erst jetzt an zwei frühere, heftige "Grippe"-Anfälle: Sie hatte jeweils wenige Stunden zuvor einmal Schuhe, einmal ihren Ledermantel auf der Terrasse mit "Imprägnol" behandelt. Frau Bethke erzählte Professor Karl Aurand von den Ereignissen. Er ist als Direktor des Instituts für Wasser-, Boden- und Lufthygiene ("WaBoLu") im Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA) zuständig für eventuelle Gesundheitsgefahren in der Innenraumluft.