Von H.-C. Blumenberg

Kann man Marcel Proust verfilmen? Ein deutscher Regisseur (Volker Schlöndorff) versucht es mit Stars aus England (Jeremy Irons als Swann), Italien (Ornella Muti als Odette) und Frankreich (Alain Delon als Baron de Charlus). Die Kamera führt der große Schwede Sven Nykvist, die Musik schreibt Hans-Werner Henze: ein wahrhaft internationales Unternehmen. Im Mai 1983 warben in Cannes schon Plakate für den Film "Un Amour de Swann", der gerade erst gedreht wird, der in Frankreich zu Weihnachten in die Kinos kommen soll.

Wer bleibt noch im Lande und nährt sich redlich (aber kärglich)? Erfolg gebiert Wanderlust, und es sind nicht die schlechtesten Filmemacher und Schauspieler, die auf den Spuren des fahrenden Zirkus-Volkes von Land zu Land ziehen. So kommen, in den kunstvollsten Kreationen des Euro-Films, die merkwürdigsten Kombinationen zustande. In der "Geschichte der Piera" des Italieners Marco Ferren spielt Hanna Schygulla (die in Deutschland offenbar kaum noch Rollen findet) die Mutter von Isabelle Huppert (die sie in Wirklichkeit nie und nimmer sein könnte) und die Ehefrau von Marcello Mastroianni: den fragilsten Teil einer von inzestuösen Konflikten beschädigten Kleinfamilie, eine Frau unter Einfluß, gefährdet schon früh in ihrer vagabundierenden Lust an kurzen Affären, zerstört vom Anpassungsdruck, von der Tochter am Ende in einer schwesterlichen Umarmung berührt.

Das ist ein rätselhaftes, bisweilen lähmend langsames Stück, dessen rituelle Düsternis immerhin illuminiert wird von Hanna Schygullas Sinnlichkeit, die einer Selbstverbrennung immer ähnlicher sieht. In so künstlichen Kino-Räumen wie denen von Marco Ferreri können sich Schauspieler wohl auch außerhalb aller nationalen Zusammenhänge entfalten. Hanna Schygulla bekam den Preis als beste Darstellerin.

Der Verdacht indessen bleibt, daß nicht selten nur kommerzielle Rezepte gesucht werden gegen das übermächtige Zutaten-Kino der Amerikaner. Barbara Sukowa, noch eine strahlende Fassbinder-Witwe, geht als femme fatale am schwülen, vor lauter Aufregung schwitzenden "Äquator" des Franzosen Serge Gainsbourg auf nahezu tragikomische Weise unter: eine Luxus-Gefangene des neuen europäischen Star-Systems, Lola in einem "Saustall" für den deftigen Geschmack, auffällig unvorteilhaft photographiert, nur noch eine willige Ikone modischer Spekulation.

Armin Müller-Stahl, ihrem Partner aus "Lola", begegnen wir in einer kleineren Rolle in Patrice Chéreaus drittem Kino-Film "L’Homme Messe" (Der Verwundete): ein schwacher Kleinbürger, dessen halbwüchsiger Sohn in heißen Sommernächten einem unwiderstehlichen Drang zu flüchtigen, gewalttätigen homosexuellen Begegnungen auf einem Pariser Bahnhof folgt. Ein Streuner, plötzlich ein Fremder, Gezeichneter in der eigenen Stadt, die zu einer bedrohlichen Wildnis wird. Das seltsam keusche Spiel übermächtiger Begierden steigert Chéreau zu einer von Ekel, Faszination und Sucht nach Zärtlichkeit getriebenen Liebesgeschichte zwischen dem Jungen und einem manisch-depressiven Stricher (dem Italiener Vittorio Mezzogiorno): das reiche Porträt eines sexuellen Erwachens, eines tödlichen Rausches, von dem Schweizer Kameramann Renato Berta mit brutalen, geheimnisvollen Nachtbildern ausgestattet. Müller-Stahl hat wenig zu tun, zu wenig für einen Schauspieler seines Ranges. Mag sein, daß es ihm reicht, für Chéreau arbeiten zu können: im zweiten Glied des Euro-Films.

Was aber ist mit jenen, die nicht freiwillig die Grenzen wechseln, des Ruhmes oder der höheren Gagen wegen? Die nicht, wie die anpassungsfähigen Star-Regisseure des nun auch schon wieder verblühten australischen Film-Wunders, die Verwandlung in tüchtige Hollywood-Gastarbeiter vollziehen wollen oder können (wie es anstrengungslos Bruce Beresford mit der melancholischen texanischen Country & Western-Ballade "Tender Mercies" und Fred Schepisi mit dem sarkastischen Western "Barabarosa" gelang). In seinen letzten Tagen stand das Festival von Cannes im Bann von drei großen "displaced persons" des Kinos: einem türkischen Flüchtling, einem russischen Abweichler, einem französischen Häretiker, der sich, seitdem er Filme macht, in einer inneren Emigration von beispielloser Einsamkeit befindet.