Politik und Journalistik sind erbarmungslose Gewerbe. Man muß – nur zu oft – auf den engsten Freund eindreschen. Die Sache will’s; nur wenn er sie über alles stellt, wird der Journalist der Gesellschaft gerecht. Aber darf man, wenn der niedergeschlagene Boxer gerade ausgezählt wird, über die Seile steigen und mit dem Knüppel auf ihn eindreschen, daß er ja nicht mehr aufsteht? So ist es Henri Nannen ergangen.

In meinem ganzen Leben habe ich mit niemandem so gehadert wie mit Nannen. Er war Chefredakteur des stern, ich der Verleger. Jahrelang fragte ich mich jeden Morgen: Woher kommt Nannens Schlag heute? War ich in Hamburg, sah ich Nannen und seine Redaktion oft täglich; Nannen spricht gern und offen, da hört man, was er vorhat, kann mit dem klugen Mann diskutieren. Wenn ich aber in Bonn oder im Urlaub war und Nannen seine plötzlichen Einfälle hatte...

Warum ich das ertrug? Ich bewundere Nannen. Er hat zur Gestalt unserer Gesellschaft mehr beigetragen, als wir einem "Illustrierten-Chef" zugestehen mögen. "Der stern lebt vom Sex", hieß es jahrelang. Nun hat das Blatt heute nicht mehr und nicht weniger Sex als vor zehn oder zwanzig Jahren; heute ist Sex überall – und wir erleben die Unbefangenheit im Umgang damit als Befreiung. Ohne Nannens Witz und seine Treffsicherheit bei der Beschreibung der neuen Tabu-Grenze hätte diese Revolution sich um Jahre verspätet.

Heute kann Genscher auf einem Vertriebenen-Treffen kühl sagen: "Wir haben keine Gebietsansprüche an Polen und die Tschechoslowakei." Noch 1960 wehrte sich der weiß Gott mutige Herbert Wehner gegen jeden, der auf die Gebiete jenseits der Oder-Neiße verzichten wollte: da breche ihm das Herz. Gegen die öffentliche Meinung einer ganzen Nation lehrte uns Nannen den "Nachbarn Polen", den "Nachbarn Tschechoslowakei" in einer historischen Artikelserie kennen und ihre durch Zeitablauf gewonnenen Rechte respektieren. Er schwamm nicht auf der Welle, er vor allen erzeugte sie. Der Haß auf diesen Nannen und seine Ostpolitik bricht noch heute in Gerhard Löwenthals ZDF-Magazin durch; für diese Leute ist er einfach ein KGB-Agent.

Die Geschichte hatte der sozial-liberalen Koalition die schmerzliche Mission aufgetragen, Frieden mit den östlichen Nachbarn zu machen. Ohne Nannens Vor-Kämpfe hätte sie das 1969 und 1972 nicht geschafft. – Nannen und der stern sind gegen den Zeitgeist groß geworden.

Eines Tages war es zwischen Nannen und mir unerträglich geworden. Genauer: Seit Nannen keine Lust mehr hatte, Chefredakteur des Stern zu sein, und ich, weil zu alt geworden, nicht mehr Verleger sein konnte. Nannen wurde "Herausgeber" des stern.

Vor Peter Koch (Nannens Nachfolger als Chefredakteur) hatte ich Nannen gewarnt: journalistisch mittelmäßig; Charakter anfechtbar. Von damals an jedenfalls stand oft Schreckliches im stern. Ein stem-Redakteur zog durch ein Dutzend katholischer Beichtstühle, sprach die sakralen Formeln, mit denen der Beichtende Gott um Verzeihung bittet, und spionierte die Pfarrer politisch aus. Ein Mitarbeiter des Bremer "Landesamtes für Verfassungsschutz" wurde mit Namen und Bild preisgegeben. In "Atomrampe Deutschland" stand die dreiste Behauptung, die Bundesrepublik sei die "drittgrößte Atommacht der Welt" – dabei haben wir überhaupt keine Atomwaffen. – Die Bundeswehrpfarrer hätten "die Hauptaufgabe, den Soldaten klarzumachen, daß die Bibel es mit dem fünften Gebot so wörtlich nun auch wieder nicht gemeint habe".